Redebeitrag zur Kundgebung am Holocaust-Gedenktag in Nauen

Jörg Schönberg

Rede zum Internationalen Gedenktag für die Opfer des Holocaust

Nauen, 27. Januar

Liebe Freundinnen und Freunde,
liebe Bürgerinnen und Bürger,

wir stehen heute hier am 27. Januar – dem Internationalen Gedenktag für die Opfer des Holocaust.

An diesem Tag wird nicht nur hier in Nauen erinnert.
Überall in unserem Land, an Gedenkstätten, auf Marktplätzen, in Schulen und Kirchen, kommen Menschen zusammen, um der Opfer der nationalsozialistischen Verbrechen zu gedenken.

Und genau deshalb müssen wir heute hinschauen.
Denn während an vielen Orten still erinnert wird, passiert hier in Nauen etwas, das uns alle alarmieren muss.

Der 27. Januar ist der Tag der Befreiung von Auschwitz.
Ein Tag des Gedenkens.
Ein Tag der Verantwortung.

Sechs Millionen Jüdinnen und Juden wurden ermordet.
Millionen weitere Menschen, weil sie nicht in das Weltbild der Nationalsozialisten passten.

Das ist keine ferne Geschichte.
Das ist kein Kapitel im Schulbuch.
Das ist eine Verantwortung – für uns heute.

Die Lehre aus unserer Geschichte ist nicht nur Erinnerung.
Sie ist Mitgefühl.

Mitgefühl für die Opfer.
Mitgefühl für Menschen, die ausgegrenzt werden.
Und die klare Verantwortung,
dass sich so etwas niemals wiederholen darf.

Wer Geschichte relativiert,
wer von „Schuldkult“ spricht,
wer Opfer gegeneinander aufrechnet,
der stellt sich gegen die Lehren unserer Geschichte.

Es beginnt nicht mit Gewalt.
Es beginnt mit Sprache.
Mit Verharmlosung.
Mit dem Satz:
„Man wird ja wohl noch sagen dürfen.“

Ich spreche heute nicht nur als Bürger,
sondern auch als Kommunalpolitiker aus Schönwalde-Glien.

Und ich sage klar:
Kommunalpolitik ist nicht neutral, wenn Menschenwürde infrage gestellt wird.

Kommunalpolitik darf nicht wegsehen,
wenn Hass wieder normalisiert werden soll.

Kommunalpolitik ist Haltung.

Es ist unsere Aufgabe vor Ort, demokratische Werte zu verteidigen –
aber genauso, sich um die Menschen zu kümmern.
Zuzuhören.
Ins Gespräch zu kommen.

Gerade jetzt ist das wichtiger denn je.

Denn Demokratie lebt vom Streit.
Von unterschiedlichen Meinungen.
Von Diskussionen, die manchmal unbequem sind.

Aber sie lebt nur dann,
wenn dabei eines niemals verloren geht:

Menschlichkeit.

Deshalb dürfen wir nicht neutral sein.
Neutralität hilft immer den Falschen.

Wir dürfen nicht sagen:
„Das wird schon wieder.“

Genau das haben andere vor 90 Jahren auch gesagt.

Heute ist der Moment,
an dem wir sagen müssen:

Nie wieder ist jetzt.

Jetzt,
wo Menschen wieder Angst haben.
Jetzt,
wo jüdisches Leben in Deutschland wieder bedroht wird.
Jetzt,
wo offen davon gesprochen wird,
Menschen auszugrenzen,
zu deportieren,
zu „remigrieren“.

Unsere Antwort darauf kann nur eine sein:

Wir stehen zusammen.
Wir stehen auf.
Wir widersprechen.

Nicht, weil wir gleich denken –
sondern weil wir gemeinsam Verantwortung tragen.

Denn diese Stadt gehört uns allen.
Unsere Demokratie ist nicht verhandelbar.
Unsere Menschlichkeit erst recht nicht.

Danke, dass ihr heute hier seid.
Danke, dass ihr Haltung zeigt.

Seid Menschen.