Rathenower Parlamentarier
Rathenower Parlamentarier in der Weimarer Republik
In der Zeit der Weimarer Republik 1919 bis 1933 waren mehrere Rathenower Abgeordnete des Preußischen Landtages und des Reichstages. Es waren ausschließlich Mitglieder von Arbeiterparteien.
Dieser Umstand weist mit Bestimmtheit auf die politischen Repräsentanten der alten Industriestadt an der Havel. Rathenow war eine Hochburg der Arbeiterklasse, die in langen Kämpfen mit den vornehmlich optischen Unternehmern erstarkte. Beginnend mit kommunalen Mandaten rangen sie für die Verbesserung der Arbeits- und Lebensbedingungen der Ausgebeuteten und wurden auch so von der Bevölkerung wahrgenommen. Die logische Folge waren Stimmenzuwächse bei den Wahlen und die Erringung von Abgeordnetenmandaten im Landtag und Reichstag.
Hatte die Sozialdemokratische Partei bis zu ihrer Burgfriedenspolitik am Beginn des Ersten Weltkrieges eine unerschütterte Autorität, so zerfiel die Partei in der Folge durch die Enttäuschung ihrer Mitglieder über den Opportunismus ihrer Führung. Der revolutionäre Flügel organisierte sich in der Spartakusgruppe/dem Spartakusbund sowie in der Unabhängigen Sozialdemokratischen Partei (USPD). Mit der November-revolution 1918 entstand aus Spartakus die Kommunistische Partei.
Als nach dem Scheitern der Revolution und dem Abklingen der revolutionären Nachkriegskrise ab 1923 die relative Stabilisierung des Kapitalismus folgte, waren die KPD und die SPD in Richtungskämpfen gefesselt. Die Orientierung der KPD auf das Muster der KPdSU brachte den Leninbund und die KPD-Opposition hervor. Von der reformistischen SPD spaltete sich die Sozialistische Arbeiterpartei (SAP) ab. Das ist der Hintergrund der vielfältigen Wahlkämpfe, bei denen Arbeitervertreter Mandate in den höchsten Volksvertretungen erwarben.
- Otto Weber (KPD) war 1928 Abgeordneter des Deutschen Reichstages.
- Karl Gehrmann (KPD) war 1921 bis 1932 Abgeordneter des Preußischen Landtages.
- Paul Szillat (SPD) war 1924 bis 1933 Abgeordneter des Preußischen Landtages.
Über sie lege ich biographische Skizzen vor. Mit „1927″ und „1932″ gebe ich Mitteilungen über die politischen Kämpfe dieser Zeit. Aus Webers und Szillats politischem Aufstieg und Niedergang werden zudem Gründe sichtbar, weswegen der DDR-Sozialismus scheiterte.
Otto Weber, Abgeordneter des Reichstages
Der einzige Rathenower Reichstagsabgeordnete während der Weimarer Republik (1919-1933) war ein Arbeiter: Otto Weber. Seine Lebensumstände – Armut und Ausbeutung – hatten zu einer unerschütterlichen sozialistischen, kommunistischen Überzeugung geführt. Warum wurde er dann in der DDR über die Jahrzehnte totgeschwiegen? Sehen wir uns sein bewegtes Leben an.
Am 17. Februar 1889 wird Otto Weber in einer Rathenower Arbeiterfamilie geboren. Der Volksschule folgt eine optische Lehre. Danach arbeitet er in Berlin bei der Firma C.P. Goertz. Schon 1906 schließt er sich der Gewerkschaft an, und 1907 wird er – 18-jährig – Mitglied der SPD.
1914 geht Otto Weber nach Paris. Über die Gründe kann man spekulieren. Treibt den klassenbewußten 25-jährigen die Abenteuerlust nach Frankreich? Wohl eher wird es die Suche nach Arbeit gewesen sein, außerhalb der Enge und Zwänge des verkrusteten Kaiserreichs, im liberaleren Frankreich. Er wird in Paris Mitglied des Syndikates der Metallarbeiter, der Confèderation generale du travail, und des Deutschen Sozialdemokratischen Leseklubs. Hier erlebt er den Ausbruch des 1. Weltkrieges, wird als Angehöriger eines Feindstaates verhaftet und unter Anklage wegen angeblicher Spionage gestellt. Neun Wochen sitzt er in Paris in Unter-suchungshaft, dann wird das Verfahren eingestellt. Man steckt ihn in das Inter-nierungslager Tatihou (La Manche). Wegen einer hartnäckigen Krankheit schieben ihn die Behörden 2,5 Jahre später in die Schweiz ab, die ihn 9 Monate in Chur (Graubünden) interniert und im Oktober 1917 nach Deutschland „austauscht“.
Otto Weber arbeitet als Hornarbeiter in einem der vielen Rathenower optischen Betriebe, d. h. er fertigt Brillenfassungen aus Schildplatt. Der revolutionäre Heißsporn schließt sich dem Spartakusbund an, den die mit der Burgfriedenspolitik der SPD-Führung unzufriedenen Sozialdemokraten bilden. Gemeinsam mit Karl Gehrmann, August Klopprogge und Friedrich Hermann gründet er die Rathenower Spartakus-gruppe. Mit dem Beginn der Novemberrevolution 1918 gehört Otto Weber zum Rathenower Arbeiter- und Soldatenrat, und er arbeitet fortan als Vertrauensmann der Gewerkschaft und als Betriebsrat.
Die Rathenower Spartakusgruppe entsendet zum Berliner Gründungsparteitag der KPD (30.12.1918 bis 1.1.1919) Richard Manke, Karl Gehrmann und Friedrich Huxdorf, die dann am 9. Januar 1919 mit Otto Weber die Rathenower KPD-Gruppe gründen. Gehrmann und Weber werden ihre Leiter. Im gleichen Jahr vertritt O. Weber die Rathenower Kommunisten auf der Parteikonferenz in Frankfurt/Main. Die überwiegende Mehrheit der USPD schließt sich der KPD an, ein kleinerer Teil geht später zurück zur SPD.
Die Sozialdemokratische Partei hatte sich vom Spartakusbund und der KPD scharf distanziert. Drei Tage nach Gründung der Rathenower KPD-Ortsgruppe veranstaltete sie am 12. Januar eine Kundgebung. Es sprach der SPD-Genosse Peus. Er trat gegen die Politik der Spartakisten auf, also gegen die revolutionären Kräfte der Arbeiterklasse in Rathenow. Die Kommunisten, so berichten die damaligen Akteure, entfalteten dagegen eine rege Aufklärungsarbeit unter der Bevölkerung der Stadt und des Kreisgebietes.
Angesichts der ungeheuren Not der Arbeiter, die mit der galoppierenden Inflation und der zunehmenden Massenarbeitslosigkeit immer unerträglicher wird, organisieren die Kommunisten um Gehrmann und Weber 1923 eine Arbeitslosendemonstration. Die SPD lehnt jegliche Unterstützung dieser Protestaktion ab. Wie Walter Gansow berichtet, nahm die Demonstration ihren Anfang auf dem Marktplatz. Als sich der Zug dem Apollo-Theater (ungefährer Standort beim jetzigen Kulturhaus) näherte, stürzten sich bewaffnete Reichswehrsoldaten aus der Kaserne Bahnhofstraße auf die Demonstranten. Die Fliehenden wurden mit Gummiknüppeln zusammengeschlagen, wie Gansow und selbst der schwerbeschädigte Max Behrendt. Den Befehl über die Bürgerkriegstruppe hatte der Rittmeister der 4. Eskadron im Husarenregiment 3 „von Zieten“ (im späteren Kavallerieregiment 17 in Rathenow) Hasso von Manteuffel. Nach der Erwerbslosendemonstration wurde über die Stadt Rathenow ein achttägiger Belagerungszustand verhängt.
1924 wird Weber zum Stadtverordneten gewählt. Natürlich werden die Kommunisten von allen anderen Parteien angefeindet – von den konservativen sowieso, und von der sozialdemokratischen als „Spalter“ und „Radikalinskis“ auch. Manches Redegefecht, von dem die damaligen Zeitungen berichten, soll sie in der Öffentlichkeit herabsetzen. Sie sollen ins gesellschaftliche Abseits gestellt werden. Man will sie als unglaubwürdig abstempeln. Aber das gelingt nicht, von Wahl zu Wahl gewinnen sie mehr Stimmen.
In der Kommunistischen Partei toben jedoch Richtungskämpfe. 1925 wird das „Thälmannsche ZK“ gebildet, das bedeutet die Ausrichtung der Partei nach Moskauer Muster. Weber hatte den „Offenen Brief“ unterstützt und unterschreibt den „Brief der 700“, der sich gegen die „Bevormundung“ der Partei durch die Kommunistische Internationale (Komintern) richtet. Fast die gesamte Ortsgruppe der Rathenower KPD gehört der linken Parteiopposition an. Aber Karl Gehrmann schwenkt schon bald zur ZK-Mehrheit (Thälmann) über, so leitet Otto Weber die linke Opposition.
1927 organisiert Otto Weber eine Gegendemonstration, als der rechtsgerichtete, militaristische „Stahlhelm“ einen Marsch durch Rathenow macht und sich im „Waldschloß“ feiert. Es kommt zu Handgreiflichkeiten, Steine fliegen auf die Militaristen, es gibt Verletzte. Weber wird von der Großen Strafkammer Brandenburg wegen Landfriedensbruch angeklagt und zu 6 Monaten Gefängnis verurteilt. Nur auf Grund einer Amnestie braucht er sie nicht zu verbüßen.
Weber ist seit 1925 Mitglied des brandenburgischen Provinzialausschusses, das ist die gewählte Vertretung der Mark Brandenburg mit Neumark und Niederlausitz. Er hat ein Jahr zuvor auf der Liste des Wahlkreises 4 – Potsdam I, KPD, erfolglos für den Reichstag kandidiert, nun rückt er im Januar 1928 für den verstorbenen Linken Kommunisten Hans Bohla ins höchste Parlament nach. In der KPD-Fraktion gehören vierzehn Mandatsträger zur Gruppe der Linken Kommunisten. Sie gelten als „Abweichler“. Das KPD-Zentralkomitee ersucht deshalb Otto Weber, sein Mandat niederzulegen. Der folgt der Aufforderung nicht und wird am 3. Februar 1928 aus der Partei ausgeschlossen. Den anderen der Gruppe ergeht es ebenso, wenn sie nicht schon selbst aus der Kommunistischen Partei ausgetreten sind.
Die Linken sind nun fraktionslos. Sie organisieren sich reichsweit im April 1928 im „Leninbund“, der anfangs ca. 6.000 Mitglieder hat. Otto Weber ist Mitbegründer und leitet in den folgenden Jahren die starke Gruppe dieses Bundes in Rathenow. Seine politische Tätigkeit wird von der Politischen Polizei mit Misstrauen beobachtet. Aber noch – bis zur Neuwahl im Sommer 1928 und seinem Ausscheiden – genießt er die Immunität als Reichstagsabgeordneter.
Otto Weber wirkt weiter in der Kommunalpolitik. Im Januar 1929 konstituiert sich die neu gewählte Stadtverordnetenversammlung (SVV). Da sich die bürgerlich-konser-vativen Abgeordneten in Konkurrenz um die Pöstchen nicht einigen können, wird wider Erwarten und zum Entsetzen der politischen Gegner Otto Weber zum stellvertretenden Vorsitzenden der SVV gewählt. Darüber berichtet die „Rathenower Zeitung“ vom 19.1.1929:
Bei der Konstituierung der Stadtverordnetenversammlung kommt es bei der Wahl des Vorstehers durch Stimmengleichheit zwischen den Abgeordneten Krietsch und Warnecke zum Losentscheid. Das Los fällt auf Otto Warneke (SPD), der bürgerliche Kandidat verliert. Die Zeitung klagt, am Losentscheid wären „außer der Unvollzähligkeit der bürgerlichen Fraktionen schließlich die beiden Rechtskommunisten schuld, die in der Stichwahl für Herrn Warneke stimmten, allerdings nur, wie Herr Gehrmann sagte, um damit den Sozialdemokraten keine Agitationsmöglichkeiten zu geben.“ Wegen dieses Stimmen-Patts bezeichnet die Zeitung die SVV als „auflösungsreifes Parlament“.
(Als „Rechtskommunisten“ bezeichnen die Zeitung und die örtlichen Politiker die nicht zum Leninbund/Linke Kommunisten gehörenden KPD-Mitglieder. Warneke wird also auch mit zwei KPD-Stimmen gewählt. Das hindert ihn und den SPD-Wahlverein Rathenow nicht, ihren SPD-Genossen Hermann Schneider am 19. März 1931 aus der Partei auszuschließen, weil dieser an KPD-Veranstaltungen teilgenommen hatte. Besuche anderer Parteiversammlungen waren jedoch damals üblich!)
Bei der Stichwahl um den Stellvertreterposten erhält Krietsch mit 9 Stimmen nur die relative Mehrheit gegenüber dem kommunistischen Kandidaten Weber. Entnervt verzichtet Krietsch, Otto Weber wird stellvertretender SVV-Vorsitzender.
Die geschilderte Unterstützung des SPD-Kandidaten durch die Kommunisten leitet keine Gemeinsamkeit ein, im Gegenteil: Als in dieser Sitzung die KPD eine einmalige Winterbeihilfe für Erwerbslose in Höhe von 30 Mark beantragt, weist ein SPD-Redner die „demagogischen Ausführungen der Kommunisten“ zurück. Dem Fürsorgeamt wären im Dezember 15.000 Mark genehmigt worden, darum gäbe es keine Sonderhilfe.
Soweit der Bericht der „Rathenower Zeitung“, und soviel zur Illustration des Verhältnisses zwischen Sozialdemokraten und Kommunisten in Rathenow.
Im Leninbund/Linke Kommunisten und mit der KPD gemeinsam kämpft Otto Weber gegen den heraufziehenden Faschismus – ohne Erfolg. Sofort nach der „Machtergreifung“ der Hitlerfaschisten am 30. Januar 1933 treffen die Leninbündler mit Genossen der Sozialistischen Arbeiterpartei Deutschlands (SAP) – einer linken Abspaltung der SPD – zusammen, um den Widerstand gegen die Nazis zu organisieren. Otto Weber nimmt an einer illegalen Konferenz in Berlin mit etwa 20 Genossen, darunter Kurt Deutsch und Heinrich Winkler, teil. In der Folgezeit bringen Kuriere Flugblätter nach Rathenow. Als Deckadressat stellt sich Schneidermeister Leppin zur Verfügung, von dem das eingehende Material an die Genossen zur Verteilung weitergegeben wird.
Zur Landtagswahl am 5. März 1933 kandidiert Otto Weber im hiesigen Wahlkreis auf dem KPD-Listenplatz 1. Die KPD gewinnt trotz erbarmungsloser Verfolgung in Rathenow fast 1000 Stimmen mehr als zuvor – aber er wird das gewonnene Mandat nicht mehr wahrnehmen können. Denn seit die Herrschenden Hitler am 30. Januar die Reichskanzlerschaft übertragen hatten, tobt der offene Staatsterror. Am letzten Februartag 1933, unmittelbar nach der Reichstagsbrandprovokation, rollt die erste Verhaftungswelle. Otto Weber und weitere 13 kommunistische Funktionäre werden von der flugs gebildeten „Hilfspolizei“ aus SA, SS und „Stahlhelm“ verhaftet. Vier Monate werden sie im Polizeigefängnis, Berliner Str. 1-2, und später im Amts-gerichtsgefängnis, Bahnhofstraße, gefangen gehalten. Unter Folterungen zur Erpressung von „Geständnissen“, sogar mit einer Scheinerschießung, versuchen die Faschisten, sie klein zu kriegen. Demütigungen und immer wieder Prügel – die „Roten“ sind nicht zu brechen. Im Juni werden sie „versuchsweise“ entlassen. Da sie ihre politische Arbeit fortsetzen und die KPD-Mitglieder neu organisieren, wird die (vermutete) Leitung wieder verhaftet und in das seit dem Sommer bestehende KZ Oranienburg bzw. ins KZ Börnicke verschleppt. Otto Weber kommt – aus unbekannten Gründen – mit kurzer Haft davon und steht unter Polizeiaufsicht.
Aber schon im April 1934 schlägt die Geheime Staatspolizei (Gestapo) zu: Festnahme, Einlieferung ins Amtsgerichtsgefängnis Rathenow, Anklage wegen Vorbereitung zum Hochverrat. Die Nazis hatten einen Verräter gedungen, den ehemaligen Jugendleiter des Kommunistischen Jugendverbandes Deutschlands (KJVD) in Rathenow, Alfred Ebel. Er wird bei Gericht als Belastungszeuge auftreten. Wie die Faschisten ihn zum Verrat seiner Genossen zwangen oder ob er überlief, wissen wir nicht. Otto Webers Widerstandsgruppe hatte Flugblätter angefertigt und verteilt. Der Generalstaatsanwalt beim Kammergericht Berlin beschuldigt Weber, dem Mitangeklagten Gustav Thiecke „um die Jahreswende 1933/34 auf der Straße ein kleines Päckchen übergeben“ zu haben, in welchem sich das „aus 8 Blättern bestehende Programm einer illegalen kommunistischen Druckschrift ‚Rote Blätter'“ befunden habe. Viel mehr ist der Fünfergruppe nicht nachzuweisen. Am 17. August 1934 wird das Urteil durch den 5. Strafsenat gesprochen. Noch steht nicht die Todesstrafe auf Vorbereitung zum Hochverrat; das folgt erst später.
Otto Weber erhält 2 Jahre Gefängnis, die „Rädelsführer“ Emil Schultze und Otto Rosin 3 bzw. 2,5 Jahre Zuchthaus, Julius Hagenau und Gustav Thiecke 2 bzw. 2,25 Jahre Gefängnis. Paul Nickel wird freigesprochen. Weber verbüßt die Strafe in Spandau und im Zuchthaus Brandenburg, er steht nach der Entlassung unter Polizeiaufsicht und erhält den „Wehrmachtsausschließungsschein“, d.h. er ist „wehrunwürdig“. Die Urteilsschrift hatte vermerkt, dass bei ihm von einer Zuchthausstrafe abgesehen wurde, da sich die „hochverräterische Tätigkeit auf das Verbreiten illegaler Flugschriften beschränkt hat“. (Az.: 10 OJ 126/34; NJ 8058)
Nach seiner Entlassung 1936 arbeitet Weber in der Rathenower Fabrik für Horn-, Zelluloid- und Schildplattwaren von Willy Köppen, Jahnstr. 10/11. Er hält trotz Polizeiaufsicht Verbindung mit seinen Genossen, klärt seine Kollegen über die Verbrechen der Nazis auf, sucht Gleichgesinnte, debattiert mit aller Vorsicht über Wege zur Beendigung der faschistischen Herrschaft, betreibt im Krieg Rundfunkagitation (Verbreitung der Nachrichten des Moskauer Rundfunks und Radio London) und unterstützt sowjetische und französische Kriegsgefangene und Zwangsarbeiter. Einem französischen Soldaten verhilft er, wie sein Genosse Hermann Schmidt berichtet, zur Flucht.
Als die Deutsche Wehrmacht unter den Schlägen der Sowjetarmee zurückgedrängt wird, soll der „Ostwall“ sie aufhalten. Auch Otto Weber wird zur Zwangsarbeit gezogen und muß von Juli bis Oktober 1944 Erdarbeiten verrichten; vermutlich an der Oder. Ihre Niederlage können die Faschisten nicht verhindern.
Nach der Befreiung vom Hitlerfaschismus ernennt der sowjetische Stadtkommandant, Oberstleutnant Slepzow, Otto Weber zum Stadtrat und Leiter des Dezernats für Volksbildung. Er ist Vorsitzender des Antifa-Ausschusses und wird nach der Zulassung der Parteien im Juni 1945 zum Pol-Leiter der Rathenower KPD gewählt. Im April 1946 wird er bei der Vereinigung mit der SPD Ko-Vorsitzender des paritätisch besetzten SED-Vorstandes der Stadt. Am 18. Dezember 1945 wird Otto Weber vom Rathenower Ausschuß der VVN als Opfer des Faschismus anerkannt.
Was aber geschieht mit diesem bewährten Antifaschisten im September 1948? Das SED-Landesschiedsgericht schließt Otto Weber „wegen starker sektiererischer Tendenzen“ aus der Partei aus, da er sich zur Politik des Leninbundes von vor 1933 bekannte. Weber hatte sich gegen die Entwicklung zur „Partei neuen Typus“ gewandt. Als „Trotzkist“ wirft man ihm „arbeiterfeindliche Einstellung“, „Opportunismus“ und „Sowjetfeindlichkeit“ vor. Karl Gehrmanns Verwendung für Otto Weber durch eine positive Stellungnahme bleibt wirkungslos. Weber wird alle Funktionen und sein Amt als Stadtrat los.
Die „Märkische Volksstimme“ berichtet darüber am 8. September 1948:
Aus dem Parteileben
Laut Beschluß des Landesschiedsgerichts und Bestätigung durch das Sekretariat des Landesvorstandes wurden die folgenden Genossen wegen parteischädigenden Verhaltens ausgeschlossen
…
2. Der frühere Genosse Weber. … Weber ist ein früherer „Leninbündler“, der schon 1928 einmal aus der damaligen KPD wegen trotzkistischer Einstellungen ausgeschlossen wurde. … Seine Tätigkeit in Rathenow war der Beweis dafür, dass er diese alte Einstellung beibehalten hat. Weber leugnete die … Feststellung über die Lage in der Rathenower Parteiorganisation beharrlich ab, ebenso wie er seine eigene antisowjetische parteifeindliche Haltung leugnete. Weber ist konsequent den Weg gegangen, den er als der frühere Trotzkist gehen musste – den Weg ins opportunistische sowjetfeindliche Lager. Er ist zu einem Parteifeind geworden.
Natürlich war Otto Weber kein „Parteifeind“, er hatte auch keine „antisowjetische Haltung“. Der schwammige Kampfbegriff „Opportunismus“ (also Anpassung) trifft ihn ebenso wenig. Er war ein Kommunist, der „starrköpfig“ auch dann an seinen Überzeugungen festhielt, als er in die Fänge der Nazischläger und ihrer Justiz geriet. Aber er machte den Stalinkult nicht mit und lehnte sich gegen die von der SED übernommenen stalinschen Linie und Strukturen in Partei und Staat auf. Mit der Formulierung „leugnete die Feststellung über die Lage in der Rathenower Parteiorganisation“ weist der Beschluß auf die aktuelle Auseinandersetzung in der Rathenower SED hin. Hier war die starke Gruppe ehemaliger SPD-Genossen um Paul Szillat Widerpart der „Stalinisten“, die den „Kampf um die Einheit und Reinheit der Partei“ kurze Zeit später vornehmlich als Kampf gegen den „Sozialdemokratismus“ führen würden. Der Kampf gegen „linke Abweichler“ wie Otto Weber war das Vorspiel dazu. Es führte zu seiner Ausgrenzung
Seine politische Arbeit leistet der 59-jährige nunmehr in der Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes (VVN). Er sammelt Material und schreibt über den anti-faschistischen Widerstand in Rathenow/Westhavelland. 1965 erhält er die Medaille „Kämpfer gegen den Faschismus“, aber sein Name kommt in den Veröffentlichungen nicht vor, sein Gesicht ist heute unbekannt. Wer hat ein Bild von ihm?
Als Otto Weber 1971 in Rathenow stirbt, verwehrt ihm die SED die letzte Ehre. Auf dem städtischen Friedhof gibt es einen Ehrenhain für die antifaschistischen Kämpfer, Gedenksteine tragen deren Namen – aber Weber fehlt. Es ist an der Zeit, seinen Namen als Akt der Wiedergutmachung nachzutragen.
Karl Gehrmann, ein Revolutionär aus Rathenow

Ein in der Bevölkerung allseits geachteter und anerkannter Kämpfer für die Arbeiter-interessen ist Karl Gehrmann. Er wird am 30. April 1884 in Ferchesar, dem beliebten Ausflugsziel der Rathenower, geboren. Nach der Volksschule lernt er Mechaniker und arbeitet auch als Hornarbeiter (Fassungsmacher für Brillen) in optischen Betrieben. Dort organisiert er sich gewerkschaftlich.
1906 tritt er der Sozialdemokratischen Partei bei und gehört zu deren linkem Flügel. Als Konsequenz zu den innerparteilichen Auseinandersetzungen wegen des opportunistischen Kurses der Parteiführung wird Karl Gehrmann 1917 Mitbegründer der Spartakusgruppe. Als ihm die Einberufung als Soldat in den mörderischen imperialistischen Krieg droht, flüchtet er und taucht bis zur Revolution unter.
Karl Gehrmann begründet in Rathenow mit Otto Weber, August Klopprogge und Friedrich Herr-mann die Spartakusgruppe. Er ist gleichzeitig Obmann der Spartakusgruppe im Luftschiffhafen Berlin-Staaken und gehört zu den Organisatoren des Munitionsarbeiterstreiks im Januar 1918. Die Gruppe will auch die Munitionsfabriken Premnitz und Gapel für den Streik gewinnen, aber die Flugblätter fallen in die Hände der kaiserlichen Polizei, und der Einfluß der rechten Sozialdemokraten verhindert in den Fabriken den Streik.
Eine neue Streikwelle erreicht im Sommer 1918 die Industriegebiete in Sachsen, Bayern und an Rhein und Ruhr. 2,5 Millionen Arbeiter legen die Arbeit nieder und fordern ein Ende von Not und Elend durch höhere Löhne, den sofortigen Frieden und ein Ende der Monarchie. Die Reichskonferenz des Spartkusbundes ruft am 7. Oktober 1918 zum revolutionären Kampf auf. Die SPD lehnt die Revolution ab, die USPD betreibt eine unentschiedene Politik. Aber die Revolution ist nicht aufzuhalten. Sie beginnt am 3. November mit dem Aufstand der Matrosen in Kiel und erfasst bis zum 9. November das ganze Reich.
Karl Gehrmann steht seit Anfang in den Reihen der Kämpfer. Am 11. und 12. November bilden er und Otto Weber seitens Spartakus mit Funktionären der Sozial-demokraten den Rathenower Arbeiter- und Soldatenrat (AuS-Rat). Sie nehmen das Offizierskasino (Bahnhofstraße Ecke Dunckerstraße/jetzt Berliner Straße) als Sitz und Standort in Beschlag und hissen die rote Fahne.
Der AuS-Rat will Ruhe und Ordnung gewährleisten. Etwa 40 Mann werden aus den Reihen der Arbeiter als Streifen in der Stadt und für die Bewachung, hauptsächlich der Waffen, ausgewählt. Aber damit werden die realen Machtverhältnisse nicht angetastet. Die alten kaiserlichen Verwaltungen bestehen weiter, und auch die Offiziere der Zietenkaserne organisieren Unruhen. Sie verüben mit Soldaten ihrer Einheit Überfälle auf Versammlungen der Arbeiter vor und im späteren „Waldschloß“, versuchen den Sitz des AuS-Rates zu stürmen und stärken die bürgerliche Konterrevolution.
Das will der Spartakusbund ändern. Er setzt auf die Fortführung der Revolution und schafft sich an der Jahreswende 1918/19 die organisatorische Struktur. Die Kommunistische Partei Deutschlands wird in Berlin gegründet. Abgesandte der Rathenower Linken sind Richard Manke, Karl Gehrmann und Friedrich Huxdorf. Eine Woche später, am 9. Januar, gründen sie gemeinsam mit Otto Weber und anderen die KPD-Ortsgruppe.
Aber der Einfluß der Sozialdemokraten ist im Rathenower Arbeiter- und Soldatenrat größer. Deren Losung „Ruhe und Ordnung“ setzt sich durch, die Revolution versandet und endet im bürgerlichen Parlamentarismus. Die junge KPD verweigert sich zunächst den „bourgeoisen“ Wahlen auf allen Ebenen. Der Fehler wird erst spät erkannt, aber nun stellen die Kommunisten ihre Kandidaten auf. Karl Gehrmann wird 1921 in den Preußischen Landtag gewählt.
Gehrmann steht wie der gesamte Bezirk Berlin-Brandenburg auf dem linken Flügel der KPD. 1924 wird er erneut Landtagsabgeordneter, mit ihm zieht nunmehr auch der Rathenower SPD-Spitzenmann Paul Szillat ins Parlament ein. Das begründet jedoch kaum Gemeinsamkeiten.
Karl Gehrmann ist Mitglied der KPD-Bezirksleitung. 1925 wendet er sich gegen die Führungsrolle der Kommunistischen Internationale (Komintern), noch 1926 unter-schreibt er den „Brief der 700“ der oppositionellen linken Kommunisten. Aber 1927 trennt sich Gehrmann von der Opposition und schwenkt auf den Thälmann-Flügel, auf die Linie des ZK, ein. Die Mehrheit der KPD-Ortsgruppe geht zum Leninbund über. Das heißt jedoch nicht, dass die Rathenower KPD in ihren Aktionen gespalten wäre. Gehandelt wird einheitlich, wie die Ereignisse des Jahres 1927 zeigen.
In dieser Phase der relativen Stabilisierung des Kapitalismus in Deutschland suchen die rechten, „deutschnationalen“ Kräfte einen Ausweg aus der ungeliebten Weimarer Republik zu einem „starken Staat“, der die kapitalistische Ordnung festigt. Monarchisten und Militaristen, im „Bund der Frontsoldaten – Stahlhelm“ organisiert, wollen „die Straße“ erobern. Zu ihnen haben sich längst die Nazis der sog. Nationalsozialistischen Deutschen Arbeiterpartei (NSDAP) mit ihren Schlägertrupps, der SA, gesellt. Am 11. Juni 1927 schickt sich der „Stahlhelm“ an, mit einem demonstrativen Marsch durch Rathenow die „Roten“ – „Sozis“ und „Kommune“ – zu provozieren. Otto Weber meldet die Protest-Demonstration an, die SPD hält sich heraus. Kommunisten, RFB-Männer (Roter Frontkämpferbund) und ihre Sympathisanten begleiten den Aufmarsch und behindern ihn auf verschiedene Weise. Auch Steine fliegen. Die blanken Instrumente der Blaskapelle sind verbeult wie auch mancher Stahlhelm-Marschierer. Sie retten sich ins „Waldschloß“, dessen Scheiben splittern. Die braven Bürger sind verschreckt. Das musste ein Nachspiel haben.
Eine Woche später soll abgerechnet werden. Der Deutschnationale Hermann Bolle fordert einen Bericht des Magistrats, der Bürgermeister Dr. Hagen folgt und „erwarte(t) schwere Bestrafung“. Bolle verlangt Entschädigung für die Instrumente. Darauf hält Otto Weber eine flammende Rede gegen die Rechtsradikalen. Er endet: „Nieder mit dem Stahlhelm! Nieder mit den Faschisten!“
Nun schaltet sich Sozialdemokrat Paul Szillat ein. Er belehrt die KPD-Abgeordneten, dass der Stahlhelm das Recht auf Straßenumzüge hat. Er empfiehlt den Kommunisten, „mehr den Kampf mit geistigen Waffen zu führen, was die deutsche Sozialdemokratie schon seit 60 Jahren gezeigt“ hätte. Das ist besonders an Karl Gehrmann gerichtet, mit dem die Auseinandersetzung im Landtag geführt werden soll.
Am 1. Juli 1927 stehen dort Große Anfragen auf der Tagesordnung. Die SPD will die Stellungnahme der Preußischen Regierung zu den Vorfällen in Arensdorf hören, wo die Rechten den 19-jährigen Reichsbannermann Karl Tietz ermordet haben. Die KPD thematisiert den Überfall des Stahlhelm auf RFB-Mitglieder. Die DNVP fragt die Regierung wegen des „Überfalls des RFB auf den Stahlhelm in Rathenow“. Und es bleibt nicht bei der Anfrage. Aus dem Gebrüll der Rechten ragt die Provokation des DNVP-Abgeordneten Wiedemann heraus: „Unverschämte Kerls! Moskowiter!“
Die deutsch-nationale „Westhavelländische Tageszeitung“ (bald darauf Sprachrohr der Nazis) berichtet unter der Schlagzeile „Faustkampf im Landtag“ über eine Schlägerei, an der die Abgeordneten Meier (SPD), Gehrmann, Schubert und Kellermann (alle KPD) und Hecker und Könnelke (beide DNVP) beteiligt waren. Die Sitzung wurde abgebrochen, die Kommunisten Schubert und Kellermann kamen ins Krankenhaus.
Karl Gehrmann hat all die Jahre Kommunalpolitik gemacht, er ist ein fester Posten in der Rathenower Stadtverordnetenversammlung (SVV). 1928 wird er erneut in den Preußischen Landtag gewählt (wie auch Szillat). Er übernimmt 1929 als haupt-amtlicher Unterbezirksleiter die KPD Berlin-Süd und ist später einige Jahre Parteisekretär für die Ost- und Westprignitz. 1932 kandidiert er nicht mehr für den Landtag.
Als die Herrschenden in Deutschland die Reichskanzlerschaft an Adolf Hitler übertragen, beginnt der Terror gegen Links. Unmittelbar nach der Reichstagsbrandprovokation am 27. Februar 1933 werden die Kommunisten gejagt. Die Schwarzen Listen sind durch die Politische Polizei und die SA längst angelegt. Der Ausnahmezustand per „Verordnung des Reichspräsidenten zum Schutz von Volk und Staat“ ist verhängt. Karl Gehrmann gehört zu den vierzehn stadtbekannten Funktions- und Mandatsträgern der KPD, die sofort von der „Hilfspolizei“ aus SA, SS und Stahlhelm verhaftet und in das Polizeigefängnis auf dem Hof des Rathauses, Berliner Str. 1-2, gesperrt werden. Das dient nun als KZ-Vorläufer, in dem geschlagen, erniedrigt und gefoltert wird. SS-Sturmführer Wilhelm Götze befiehlt eine Scheinerschießung, um die Häftlinge einzuschüchtern. Auch Karl Gehrmann ist unter den Gefangenen, die unter SA-Bewachung in der Stadt Wahlplakate der KPD abkratzen müssen. Eine gezielte Erniedrigung vor den Augen der Bevölkerung. Aber die „Roten“ sind nicht klein zu kriegen. Sie setzen ihre politische Arbeit fort, als sie nach vier Monaten „versuchsweise“ entlassen werden. Am 27. Juni werden Karl Gehrmann, Willi Schulz, Hermann Archuth, Max Otto und andere wieder verhaftet und kommen nun in das inzwischen eingerichtete KZ Oranienburg. Hier treffen sie auch auf Paul Szillat, als der nunmehrige Brandenburger Oberbürgermeister eingeliefert wird. Gehrmann muß 18 Monate KZ und Gestapo-Gefängnis (Potsdam) erdulden. (NSDAP-Gliederungen: SA = Sturmabteilungen; SS = Schutzstaffeln; Gestapo = Geheime Staatspolizei; KZ = Konzentrationslager)
Nach seiner Entlassung wirkt er in einem illegalen antifaschistischen Zirkel mit Rundfunkagitation. Die „Feindsender“ Moskauer Rundfunk und Radio London werden abgehört, die Nachrichten mit der Wahrheit über die faschistischen Untaten werden vorsichtig verbreitet, im Krieg wird die vom „Reichsrundfunk“ verfälschte militärische Lage widerlegt. Karl Gehrmann sieht eine besondere Verpflichtung zur solidarischen Hilfe für die nach Deutschland verschleppten Zwangsarbeiter.
Nach dem Putschversuch der Offiziere am 20. Juli 1944 werden alle bekannten, als Gegner des Nazireiches Verdächtigen, in der „Aktion Gitter“ erneut verhaftet. Karl Gehrmann muß vom August bis November 1944 in KZ-Haft.
Sogleich nach der Befreiung Deutschlands vom Faschismus setzt die Sowjetische Militäradministration in Deutschland (SMAD) Antifaschisten für die örtlichen Verwaltungen ein. Der bewährte Kommunist wird Landrat des Kreises Rathenow-Westhavelland, der Sozialdemokrat Paul Szillat wird zunächst sein Stellvertreter, später Rathenower Oberbürgermeister.
Die gemeinsame Haft von Kommunisten und Sozialdemokraten in Gefängnissen, Zuchthäusern, in den Todeszellen und im KZ hat die schmerzhafte Einsicht gebracht: Wir haben getrennt den Faschismus nicht verhindern können. Nun lasst uns gemeinsam an den Aufbau einer neuen Gesellschaft gehen. Lasst uns die Trennung der Arbeiterparteien überwinden. Gemeinsam sind wir stark!
Es beginnt in den ab Juni 1945 wieder zugelassenen Parteien KPD und SPD die Diskussion über eine Einheitspartei. Eine der vielen Beratungen, die auf allen Ebenen stattfinden, ist die gemeinsame Funktionärskonferenz in Rathenow im Spätherbst 1945. Der von der KPD-Landesleitung Beauftragte für die Vereinigung, Willy Sägebrecht, kommt zu spät. Die Debatte ist bereits in vollem Gange. Es ist ein ideologischer Streit, was sonst. Er berichtet in seinem Beitrag „Wir schaffen ein neues Deutschland“ im Band „Helle Sterne in dunkler Nacht“:
Der sozialdemokratische Oberbürgermeister Paul Szillat hatte heftige provokatorische Ausfälle gegen die Sowjetunion und die KPD unternommen und versucht, alle Schwierigkeiten im Lande den sowjetischen Soldaten zuzuschieben. Sinngemäß führte er aus, dass die alleinige Schuld für den Machtantritt des Faschismus im Jahre 1933 die KPD trüge, weil sie die SPD ständig wegen ihrer Koalitionspolitik und wegen ihrer Politik des ‚kleineren Übels‘ angegriffen hätte.
Dann sprachen Genossen der KPD, wie Weber, der ultralinke Auffassungen vertrat, und der alte Genosse Karl Gehrmann, und verlangten, dass sich alle Mitglieder der SPD vor der Vereinigung zur Diktatur des Proletariats bekennen sollten. Ohne diese Anerkennung gäbe es auch keine einheitliche marxistische Partei, meinten sie. Es entstand großer Tumult, die Konferenz drohte aufzufliegen. Mit Recht empörte sich ein großer Teil der SPD-Mitglieder. Ich ergriff das Wort […]
Willy Sägebrecht unterstreicht den Standpunkt der KPD, die in ihrem Aufruf vom 11. Juni 1945 die Frage beantwortet habe. „… bei uns steht heute nicht die Diktatur des Proletariats auf der Tagesordnung.“ Er nennt die dringlichen Aufgaben, den Kampf gegen Hunger und Not aufzunehmen, allen Menschen Arbeit und Brot zu geben und ihnen ein friedliches Leben zu sichern. „Vor allem müssen wir, bevor wir zum Sozialismus gelangen, die Aktionseinheit der Arbeiterklasse herstellen. Wenn wir uns einig sind, dass wir in der Zukunft den Sozialismus errichten wollen, werden wir auch darin einer Meinung sein, dass dann die Arbeiterklasse die Macht im Staate haben wird.“

Die Diskussion kommt in die richtige Bahn, der Einheitsprozeß nimmt Fahrt auf. Karl Gehrmann, Otto Weber und andere „radikale“ Kommunisten müssen einsehen, dass eine Vereinigung der beiden Arbeiterparteien nur auf gleicher Augenhöhe stattfinden kann. Aber die ideologischen Zweifel sind natürlich nicht ausgeräumt, wie sich in den folgenden Jahren zeigt. Otto Weber und Paul Szillat werden Opfer der bald beginnenden stalinistischen Entwicklung.
Der Brandenburgische Minister für Wirtschaft, Heinrich Rau, beruft K. Gehrmann als Oberregierungsrat und persönlichen Referenten in sein Potsdamer Ministerium. Seine dortige Arbeit bleibt den Rathenowern weitgehend unbekannt. Was weiß man schon von dessen ferner Büroarbeit! Ob Karl bei aller Pflichterfüllung auch persön-liche Erfüllung fand, kann man bezweifeln. Irgendwann kommt er dann in sein Rathenow zurück. Er leitet die hiesige Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes (VVN).

Karl Gehrmann stirbt 69-jährig am 27. Juli 1953. Sein Name steht auf einem der Steine im Ehrenhain auf dem städtischen Friedhof unserer Stadt. Eine Straße in Rathenow-Ost und eine Kampfgruppeneinheit erhalten seinen Namen.
Paul Szillat, ein Symbol der Rathenower Sozialdemokratie
Paul Szillat war nach der brandenburgischen Landtagswahl am 5. März 1933 der letzte Vorsitzende seiner SPD-Fraktion. Auch in der sozialdemokratischen Reichsleitung spielte er eine wichtige Rolle. Der Beginn dieser politischen Entwicklung lag in Rathenow. Sehen wir uns sein bewegtes Leben genauer an:

Paul Szillat, geb. am 30. Oktober 1888 in Berlin, erlernt den Beruf eines Feinmechanikers. Über die Gewerkschaft kommt er zur SPD, deren Mitglied er 1910 wird. Der kompromisslose Gewerkschaftsvertrauensmann einer Berliner Firma wird 1915 zum Kriegsdienst eingezogen, doch 1917 „zur Arbeit entlassen“. Während der No-vemberrevolution wählt ihn die Belegschaft eines Berliner Metallbetriebes zum Vorsitzenden des Arbeiterrates. Szillat geht 1919 auch in die Kommunalpolitik. Er wird Gemeindevertreter in Steglitz und Kreistagsabgeordneter in Teltow-Beeskow. Im folgenden Jahr wird er als Stadtverordneter von Groß-Berlin gewählt, legt sein Mandat aber nieder, weil er 1920 als Geschäftsführer die Führung des Metall-arbeiterverbandes in Rathenow übernimmt – in einem Brennpunkt der Arbeiter-bewegung und der Klassenkämpfe. Hier bewährt er sich als verläßlicher Vertreter der Arbeiterinteressen, und sein Name hat einen guten Klang bei der Mehrheit der Rathenower Metallarbeiter.
Schon 1921 stellt die hiesige SPD den bekannten Gewerkschafter als Kandidaten für den Kreistag auf. Er wird gewählt, sammelt Erfahrungen und wird noch bekannter, also bewirbt er sich 1924 auch um ein Stadtverordnetenmandat. In der SVV übernimmt er den Fraktionsvorsitz. Seine Genossen „wuchern mit dem Pfund“, er zieht 1924 auch in den Preußischen Landtag ein. Hier wird er bis 1933 wirken.
Rathenow ist eine Hochburg der Sozialdemokraten. In der Stadtverordnetenversammlung (SVV) geben sie den Ton an. Also besetzen sie auch Verwaltungsposten. Paul Szillat wird 1928 Finanzdezernent der Stadt. Vier Jahre später, 1932, sorgen seine Genossen für einen weiteren Aufstieg: Szillat wird Oberbürgermeister von Brandenburg/Havel. Dort wie in Rathenow steht er auf der schwarzen Liste der Hitlerfaschisten, die den Marsch auf die Macht in Deutschland angetreten haben.
Am 30. Januar 1933 übertragen die herrschenden Kreise der Industrie und des Finanzkapitals mit Hilfe des Reichspräsidenten von Hindenburg die Reichskanzlerschaft an Hitler. Seine Minderheits- und Koalitionsregierung braucht dringend eine „demokratische Legitimation“. Hindenburg – den die SPD einstmals unterstützt hat – löst kurzerhand den Reichstag und den Preußischen Landtag auf und setzt Neuwahlen an. Da aber die Arbeiterparteien, die die „Machtergreifung“ nicht verhindern konnten, sich auf parlamentarische Mehrheiten stützen könnten, braucht man einen Ausnahmezustand mit entsprechender Beschränkung politischer Tätigkeit und eine Angstpsychose. Der Reichstagsbrand wird inszeniert, die Kommunisten als „Täter“ gejagt und praktisch verboten. Eine knappe Woche später, am 5. März, sind die Wahlen. Die Nazipartei ist Wahlsieger, aber SPD und KPD sind zusammen immer noch stärker als die NSDAP.
Als der Preußische Landtag am 18. Mai 1933 zur ersten Sitzung zusammentritt, sitzt die SPD im Plenum, die Kommunisten sind verhaftet. Szillat ist Fraktionschef, der gewählte kommunistische Abgeordnete Otto Weber aus Rathenow wird von den SA- und SS-Leuten der „Hilfspolizei“ im Rathenower Polizeigefängnis gequält. Szillat tritt ans Rednerpult und begründet im Namen seiner Partei die Ablehnung von Hitlers Ermächtigungsgesetz für Preußen. Der NSDAP-Abgeordnete Wilhelm Kube, Gauleiter von Brandenburg, später berüchtigter Generalkommissar für Weißrußland (dort von Partisanen getötet), brüllt Szillat an: „Sie haben es noch nicht begriffen, dass Ihre Aufgabe zweierlei enthält: sich zu schämen und zu schweigen!“ Für die Nazis ist das Maß voll. Das „demokratische Mäntelchen“ muß weg!
Paul Szillat steht mitten in den Auseinandersetzungen innerhalb der SPD-Reichsleitung. Beharren auf Legalität und Nutzung der parlamentarischen Möglichkeiten für den politischen Kampf gegen die Nazis oder – wie die KPD – Übergang in die Illegalität? Als der zentrale Vorstand nach Prag geht, um die Tätigkeit von außen zu leiten, bildet sich im scharfen Streit der Inlandsvorstand unter Paul Löbe. Zu den sechs Mitgliedern gehört auch Paul Szillat. Löbes Standpunkt ist, „die Sozialdemokratie diene im Inland ihrer Sache mehr“. Franz Künstler meint, „die Flucht führender Genossen“ habe „bei den Arbeitern Empörung ausgelöst“. Georg Schmidt erklärt sogar, „Emigrationspolitik ist eine Politik der Feigheit“. Noch am 19. Juni hält die „Löbe-SPD“ eine Reichskonferenz in Berlin ab. Die Stimmung gegen die Parteimitglieder im Exil ist „sehr gereizt“, und Löbe rechtfertigt seine Linie damit, dass Otto Wels (SPD-Vorsitzender) am 23. März 1933 im Reichstag das „Angebot der loyalen Zusammenarbeit“ an die NS-Regierung gerichtet habe. Die Rest-Fraktion hätte am 17. Mai mit den Nazis gestimmt. Darum erklärt die Konferenz den Exilvorstand für abgesetzt und wählt anschließend ein „rein arisches“ (!) Führungsgremium. Aber das ist blinder Aktionismus, letztlich Opportunismus. Die Handelnden begreifen erst später, wie sie sich selbst ins Aus manövriert haben.
Als drei Tage später das SPD-Verbot verkündet wird, sind alle Illusionen, aber auch alle Handlungschancen dahin. Paul Szillat wird wie die anderen des Löbe-Vorstandes festgenommen. Johannes Stelling, früherer Ministerpräsident von Mecklenburg-Schwerin, wird während der Köpenicker Blutwoche von der SA bestialisch ermordet, Erich Rinner gelingt die Flucht nach Prag. Szillat wird ins KZ Oranienburg deportiert, wo die von der SPD bekämpften Kommunisten schon länger leiden.
Für Paul Szillat fängt nun ein Prozeß der Besinnung an. Die Kommunisten, denen auch er in der Rathenower SVV manche Redeschlacht geliefert hat, die er gering geschätzt hat, deren einzelne er auch verachtet hat, die immer unterhalb der Augenhöhe von Sozialdemokraten waren – sie geraten ins Blickfeld als vorher verschmähte, nun aber zwingende Verbündete im Kampf gegen die Faschisten. Auch das „Prager Manifest“ des Exilvorstandes vom 20. Januar 1934 trägt dieser Erkenntnis Rechnung: „Kampf und Ziel des revolutionären Sozialismus“. Die Analyse eigenen Versagens zwinge in die „Einheitsfront mit Kommunisten und oppositionellen Linksgruppen“, die „Einigung der Arbeiterklasse zu einer neuen revolutionären Partei“ wird zum „zentralen Programmpunkt“. Löbliche Vorsätze, die aber sehr bald keine Bedeutung mehr haben.
Paul Szillat wird im August 1933 aus dem KZ entlassen und steht unter Polizeiaufsicht. Er findet Arbeit als Geschäftsführer (andere Quelle: Lagerverwalter) einer Firma in Berlin-Tempelhof und wohnt nun in Rathenow, Fritz-Perl-Str. 12 (Immanuel-Kant-Str.). Um die Ecke, zwei Häuser weiter, wohnt sein Gegner aus der SVV, Otto Weber, in der Emil-Muth-Str. 8, (Humboldtstr.), der 1936 aus dem Gefängnis kommt.
Ob sie Kontakt miteinander hatten? Szillat hält Verbindung zu seinen SPD-Genossen Treffpunkt ist seine Berliner Wohnung. Man diskutiert die eingeschleusten Publikationen der SPD-Auslandsleitung und gibt sie weiter. Die illegale Tätigkeit wird nicht entdeckt.
Nach der Befreiung vom Faschismus setzt der sowjetische Stadtkommandant Szillat zunächst als stellvertretenden Landrat (unter Karl Gehrmann, KPD, ebenfalls Gegner in der SVV der Weimarer Jahre), ab Juni 1945 dann anstelle von Arthur Neumann (KPD) als Oberbürgermeister von Rathenow ein.
Paul Szillat ist ein ausgezeichneter Verwaltungsmann. Seine Erfahrungen setzt er sofort beim Neuaufbau der Stadt und der Gesellschaft um. Er wird ein entschiedener Verfechter der Vereinigung von SPD und KPD. Im SPD-Landesvorstand wirkt er mit Friedrich Ebert, Georg Spiegel, Kurt Schöpflin und anderen für die inhaltliche Klärung mit den Mitgliedern und die organisatorische Vorbereitung der Einheitspartei. Er ist 1946 Delegierter des Vereinigungsparteitages zur Gründung der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands. Dort erstattet er den Bericht der Statutenkommission und wird in den paritätisch besetzten Parteivorstand der SED gewählt. 1946 wird er Vorsitzender der Zentralen Revisionskommission. Ebenfalls 1946 erringt er ein Mandat für den brandenburgischen Landtag.
Als Oberbürgermeister baut er für die schwierige Nachkriegszeit seinen Verwaltungsapparat auf und entwickelt eine neue Form transparenter Verwaltungsarbeit. Er legt halbjährig öffentlich Rechenschaft über die Arbeit seiner Behörde ab, zuerst im Kino „Bellevue“, später wechselnd in Rathenower Betrieben. Freie Aussprache und Kritik sind ausdrücklich gefordert. Jede Stadtverordnetenversammlung schließt mit öffentlicher Aussprache: „Der Bürger hat das Wort.“
Szillat wehrt sich jedoch vergeblich gegen die Umwandlung der SED in eine „Partei neuen Typus“. Er bleibt bis zuletzt einsamer Mahner im Parteivorstand. Das Modell einer „marxistisch-leninistischen Kampfpartei“ nach dem Muster der KPdSU wird in einem „Kampf um die Einheit und Reinheit der Partei“ eingeführt, aber die Übernahme des „Stalinismus“ entspricht nicht den Vorstellungen einer Reihe von Sozialdemokraten wie Paul Szillat. So verurteilt die SED-Spitze den „Sozialdemokratismus“ als feindliche Strömung. Szillat gerät ins Visier der „Parteireiniger“. In einem intriganten Prozeß wird er aus der SED ausgeschlossen.
Um ihn auch als Oberbürgermeister zu demontieren, wirft man ihm Wirtschaftsverbrechen vor. Am 27. Juni 1950 – fast auf den Tag genau 17 Jahre nach seiner Verschleppung ins KZ – werden Szillat, sein Sohn Hans und andere Kommunalfunktionäre verhaftet. Der Landtag hebt die Immunität des 62-Jährigen auf. Am 13. November 1951 verurteilt das Gericht Paul Szillat zu acht, seinen Sohn zu vier Jahren Zuchthaus.
1955 ermittelt Szillats Ehefrau in Lübeck den entscheidenden „Zeugen“ der Anklage, den das Hamburger Landgericht wegen Meineides verurteilt. Ein Jahr später erläßt Präsident Wilhelm Pieck eine Amnestie, Paul Szillat kommt frei. Enttäuscht vom Staat auch seiner früheren Hoffnung und zutiefst verletzt verläßt er die DDR und stirbt am 17. Oktober 1958 in Westberlin. 1990 werden Paul und Hans Szillat von der Schiedskommission der PDS rehabilitiert, das Gerichtsurteil wird kassiert. Die Ehre ist wieder hergestellt, das Unrecht kann damit nicht wieder gut gemacht werden.
1927
Das Sprachrohr der Nazis in Rathenow war die „Westhavelländische Tageszeitung“. Aus ihren Meldungen lässt sich die politische Situation der nur langsam wachsenden Nazipartei nachvollziehen.
Die NSDAP und insbesondere ihre Terrorgruppe „Sturmabteilungen“ – SA – hatten ein enges Bündnis mit den sogenannten Deutschnationalen der DNVP und der nationalistischen, völkischen Wehrorganisation „Stahlhelm“. Die Aufmärsche bei den „Stahlhelmtagen“ dienten der Demonstration nationalistischer Gesinnung und des Machtstrebens der rechten Kreise.
Im Vorfeld der „Stahlhelmtage“ am 7. und 8. Mai 1927 in Berlin verkündete der sozialdemokratische Polizeipräsident Zörrgiebel die „ständige Alarmbereitschaft“ seiner Polizei und verbot schon mal im Voraus „kommunistische Demonstrationen“. Wollte er damit dem Terror der Nazis den Weg verlegen, die immer frecher agierten und brutal gegen ihre Gegner vorgingen?
Am 6. Mai 1927 meldete die „Westh. TZ“, dass ein Berichterstatter (ein Reporter – aber nicht von der „Westh.TZ“!) in einer Berliner NSDAP-Versammlung mit Bierseideln misshandelt und aus dem Saal geworfen wurde. Bei der gleichen Versammlung wäre der evangelische Pfarrer Struwe wegen eines Zwischenrufes blutig geschlagen worden. Die Polizei nahm daraufhin 29 Täter „vorübergehend“ fest. Der Polizeipräsident erklärte „auf Grund der Reichsverfassung“ die „NSDAP mit ihren Unterorganisationen, Sportabteilungen und Schutzstaffeln (das ist die SS; D. S.), NS-Freiheitsbund, NS-Studentenbund, Deutsche Arbeiterjugend (Hitler-Jugend)“ als „aufgelöst“. Gleichzeitig wurde der „Gau Berlin-Brandenburg der National-Sozialisten“ als Organisationsstruktur verboten. Deren Antwort war am folgenden Tag der erste Brandanschlag auf die Rathenower Synagoge.
Am 7. Mai 1927 veröffentlichte die Zeitung demonstrativ als Bildnachrichten „Adolf Hitler im Kreis seiner Berliner Getreuen“ und ein Bauplatzfoto „Das Tannenberg-Denkmal wird gebaut“, dieses von den Nazis später für ihre Weihefeste genutzte völkisch-nationale Mal in Ostpreußen.
Die Rathenower Stadtverordnetenversammlung trug dem zunehmenden Naziterror, der durch die brennende Synagoge unübersehbar war, Rechnung. Sie brachte am 10. Mai im Nichtöffentlichen Teil „Beamtensachen“ den Antrag auf Entlassung des in der Stadtkasse tätigen Erich Daluege als verantwortlicher Leiter der Nazis unserer Stadt wegen deren terroristischen Umtrieben ein. Der Stadtverordnete Bolle (DNVP) beantragte die Ablehnung in einer Erklärung von vier Abgeordneten der Bürger-Fraktion, die „mit sozialdemokratisch-kommunistischer Mehrheit“ zurückgewiesen wurde. Von denen nannte die Zeitung scharfmacherisch die Abgeordneten Görn und Weber (KPD), Scharein und Szillat (SPD). Erich Daluege musste den Staatsdienst und Rathenow verlassen.
Im Verwaltungsbericht des Magistrats wurden die Vertreter der Stadt Rathenow aufgeführt. Im Preußischen Staatsrat agierten Landrat von Bredow und Stadtrat Priefert (SPD). (Einer der vielen Bredows, nämlich der Graf aus Kleßen, wurde 1929 neuer Kreisleiter der Nazis für den bisherigen, Fritz Krause, der als erster NSDAP-Mann in den Kreistag einzog. Aus Kleßen wird von der „Westh. TZ“ am 28. Juni 1933 gemeldet: „Kapitän Ehrhardt bekennt sich zur NSDAP“, habe die Reichsführung der SS mitgeteilt. Er wäre „persönlich in die Partei eingetreten“ „und hat sich mit seinem Wehrverband, der Brigade Ehrhardt, dem Reichsführer SS unterstellt“. Einer der übelsten rechten Putschisten der Weimarer Republik, z. B. beim Kapp-Putsch, hatte sich offiziell den Braunen angeschlossen. Er hatte – gemäß der Meldung – seinen Unterschlupf auf dem Gut Kleßen.)
Im Preußischen Landtag waren die Rathenower Paul Szillat (SPD) und Karl Gehrmann (KPD), im Provinzialausschuß vertraten Oberbürgermeister Lindner (DVP), Otto Weber (KPD) und Emma Sydow (SPD) die Stadt.
Schon im Juni 1927, es waren seit den oben geschilderten Vorgängen gut vier Wochen vergangen, kam es zum „Kommunistenterror in Rathenow“, wie die „Westh. TZ“ reißerisch verkündete. Sollten die schlimmen Machenschaften der Nazis durch die Schreiberlinge abgemildert werden? Folgendes war geschehen:
Wieder einmal sollte der „Stahlhelm“ provozieren. Diesmal – am Sonnabend, dem 11. Juni – in der Arbeiterhochburg Rathenow. Am Abend marschierte er mit klingendem Spiel in einem Fackelzug zum „Waldschloß“, um dort einen Film vom 7./8. Mai vorzuführen: „Der Stahlhelm in Berlin“. Die Sozialdemokraten waren für eine gemeinsame Aktion nicht zu haben, also organisierten die Kommunisten ihren Widerstand, um die Veranstaltung zu verhindern. Mit Sprechchören protestierend begleiteten sie den Zug, bewarfen ihn mit Steinen (und Eisenstücken, wollte es einer später ganz genau wissen). Einige junge Leute waren auf die Bäume am Rand der Straße geklettert und störten die Militaristen von oben. Vor dem Waldschloß, so später Bürgermeister Dr. Hagen, hätten sich die „Kommunisten zusammengerottet“, der Steinhagel hätte einen verletzten Polizisten und eine „im Krankenhaus behandelte Frau“ zu Folge gehabt. Fensterscheiben der Gaststätte wurden eingeworfen.
Das Nachspiel bereiteten die Bürgerlichen eine Woche später in der Stadtverordnetensitzung. Der Deutschnationale Hermann Bolle forderte einen Bericht des Magistrats über die Vorgänge. Dr. Hagen „erwartete schwere Bestrafung“, Bolle beantragte Entschädigung für die zerschlagenen Instrumente. Otto Weber, der Organisator der Gegendemonstration, hielt eine flammende Rede gegen die Rechtsradikalen und schloß: „Nieder mit dem Stahlhelm, nieder mit den Faschisten!“ Dann nahm der SPD-Mann Paul Szillat das Wort. Er erklärte, der „Stahlhelm“ habe das Recht auf Straßenumzüge. Er empfahl den Kommunisten, „mehr den Kampf mit geistigen Waffen zu führen, was die deutsche Sozialdemokratie schon seit 60 Jahren gezeigt“ hätte.
Da stellt man sich besonders angesichts der Arensdorfer Vorgänge um das „Reichsbanner“ schon Fragen! Aber dazu genauer:
In der Landtagssitzung am 1. Juli 1927 stand die Große Anfrage der SPD wegen des Überfalls auf Mitglieder des „Reichsbanners“ (RB) in Arensdorf durch Angehörige von Rechtsverbänden zur Debatte. Damit verbunden stellten die KPD eine Große Anfrage wegen Überfällen des „Stahlhelm“ auf RFB-Mitglieder („Roter Frontkämpferbund“, Wehrorganisation der KPD) und die DNVP eine Anfrage zu einem Überfall des RFB auf den „Stahlhelm“ in Rathenow.
In Arensburg bei Erkner war der 19-jährige RB-Mann Karl Tietz ermordet worden. Der SPD-Abgeordnete Krüger bezeichnete den Junker Udo von Alvensleben auf Arensdorf als Hintermann und den alten Schmelzer als intellektuellen Urheber: „Deutsch-Nationale scheuen bei ihrem Kampfe gegen die Republik nicht vor der Begünstigung feiger Mörder zurück.“ Der DNVP-Mann Wiedemann provozierte mit „Unverschämte Kerls, Moskowiterbande!“ Darauf folge ein „Faustkampf im Landtag“, wie die „Westh. TZ“ titelte. An der Schlägerei Beteiligte wären der Sozialdemokrat Meier, die Kommunisten Karl Gehrmann und (die verletzten) Schubert und Kellermann sowie die Deutschnationalen Hecker und Könnelke gewesen. Die Sitzung wurde abgebrochen.
Wie die Sozialdemokraten mit ihrer Beschwichtigungspolitik gegenüber den rechten Todfeinden der Demokratie agierten, erfahren wir aus dem „Rathenower Tageblatt“, das als „Volksblatt für Rathenow, Westhavelland und Umgegend“ firmiert und „Publikationsorgan der SPD, freien Gewerkschaften und Arbeitervereine“ ist. Herausgeber und leitender Redakteur ist Friedrich Ebert, von dessen „Brandenburger Tageblatt“ die hiesige Zeitung ein regionaler Ableger ist.
Am 4. Januar 1930 schreibt das Blatt mit „Die Schule des Mordes“ über die Verbrechen der Naziführer. Am 29. Dezember 1929 nämlich hatten Angehörige der SA-Stürme 5, 25 und 27 im „Wiener Garten“ in Berlin einen Angriff auf die Kommunisten beschlossen. In der Folge schossen sechs bis zehn SA-Männer auf vier KPD-Angehörige, die aus dem KPD-Verkehrslokal Görlitzer Straße kamen. Walter Neumann erlag am 1. Januar seinen Verletzungen. Die SA-Männer Walter Rieck und Otto Born wurden als Täter festgenommen, sieben weitere dem Polizeipräsidium zugeführt. Der Kommentar des „Rathenower Tageblatts“ lautete: „Kommunisten und Hakenkreuzler schlachten sich gegenseitig ab!“
Wofür man heute in Kenntnis der Geschichte kein Verständnis aufbringt, hat seinen Grund in der sozialdemokratischen Grundeinstellung dieser Zeit: Kommunisten sind die linken Feinde der Demokratie. Dieser Antikommunismus war auch unter den Rathenower Sozialdemokraten weit verbreitet, was zwangsläufig zu einer Unterschätzung der faschistischen Gefahr führte. Wir finden dafür Belege in der sozialdemokratischen Zeitung.
Im Januar 1930 schreckt die Regierungsbildung in Thüringen alle klar sehenden Demokraten auf. Auch das „Rathenower Tageblatt“ ist erschrocken: „Putschist als Innenminister“. Mit der Ernennung von Dr. Frick (NSDAP) zum Innenminister der „thüringischen Rechtsregierung“ wäre „der Bock zum Gärtner gemacht“ worden. Frick war schließlich als Drahtzieher des Hitlerputsches 1923 wegen Hochverrats verurteilt worden.
Wenig später, im Februar, titelt das Blatt „Was wird, wenn Hugenberg und Hitler regieren?“ Anlaß ist das Auseinanderbrechen des Rechtsblocks Seldte („Stahlhelm“)-Alfred Hugenberg (DNVP)- Adolf Hitler (NSDAP), weil Seldte wohl eigene Ziele verfolge. Und ein weiterer wichtiger Anlaß sind die Verhandlungen des Völkerbundes in Den Haag, also wesentlich die Siegermächte des 1. Weltkrieges. Sie argwöhnen, dass die Rechtsparteien – wenn sie regieren – „den Young-Plan zerreißen“. Zehn Tage, so die Zeitung, beschäftigte sich „der Haag“ mit der deutschen Frage, was als unbegründet bezeichnet wird, aber auch „die Schwäche des Haag“ kennzeichnet. „Die neuen Brüder Alfred und Adolf“ könnten sich ins Fäustchen lachen über die unerwartete Aufwertung, „als wenn damit zu rechnen sei, dass sie jemals Deutschland beeinflussen könnten“, schreibt die SPD-Zeitung.
Welch fatale Fehleinschätzung! Welche Folgen!
1932
Trotzdem kommt es – ein Fall aus Rathenow ist zu schildern – zu gemeinsamen Aktionen von Kommunisten und Sozialdemokraten. Darüber hat Willy Osterburg, damals SPD, berichtet: „Im Herbst 1932 zur Zeit der Papen-Regierung, war im Zusammenhang mit dem bevorstehenden Wahlkampf die Stadt mit den Fahnen der Arbeiterbewegung geschmückt. Natürlich hauptsächlich in den Arbeitervierteln. Besonders der ärmste Teil der Bevölkerung, der in den Laubenkolonien draußen vor der Stadt hauste, brachte durch viele rote Fahnen seine Meinung über die künftige Entwicklung Deutschlands zum Ausdruck.
An einem Abend, als sich viele junge Arbeiter auf dem damaligen Rummelplatz am Schützenhaus aufhielten, wurde dort von Mund zu Mund bekannt gegeben, dass die SA von Hohennauen die Absicht habe, die Laubenkolonie an der Rhinower bzw. Semliner Straße zu überfallen, um die Fahnen herunter zu reißen.
Allen Jugendlichen, die durch Abzeichen von Arbeiterorganisationen, Partei, Gewerkschaft und Arbeitersport kenntlich waren und die sich ohnehin persönlich kannten, wurde gesagt, dass man sich zur Abwehr dieser Aktion am Schwarzen Weg an der Rhinower Straße sofort versammeln solle. Ich schätze, dass in jener Nacht (es war inzwischen gegen 22 Uhr geworden) rund 500 junge Arbeiter dort versammelt waren. In der Dunkelheit hörte man abwechselnd die Grüße ‚Rot Front‘ oder ‚Freiheit‘. ‚Freiheit‘ war bekanntlich der Gruß der damals gebildeten ‚Eisernen Front‘ der sozialdemokratisch orientierten Gewerkschafter, Arbeitersportler usw. (‚Eiserne Front‘ = ‚Reichsbanner Schwarz-Rot-Gold‘; D. S.)
Von Funktionären des ‚Rot-Front-Kämpferbundes‘ (RFB) und des ‚Reichsbanners‘ (RB) wurde sofort eine Einteilung der Gruppen vorgenommen, um die verschiedenen einzelnen Kolonien in diesem Bereich vor der SA zu schützen.
Ich selbst lag mit einer Gruppe von etwa 50 Arbeitern in der Nähe der Rhinower Straße, vor den Gärten der Nordseite der betreffenden Kolonie. Wir bewaffneten uns mit Knüppeln, die wir aus dem anliegenden Buschwerk herausschnitten. Jedenfalls waren wir bereit, den faschistischen Rowdys einen freundlichen Empfang zu bereiten. Plötzlich kam eine Kraftwagenkolonne an und hielt in unserer Nähe. Scheinwerfer blendeten auf, und einige Schüsse wurden abgefeuert. Wegen der Schüsse blieben wir zunächst in Deckung, denn wir waren auch durch die Scheinwerfer geblendet. Dann erkannten wir jedoch Polizei und wurden mit 13 Arbeitern verhaftet, visitiert und in das Rathenower Gefängnis eingeliefert. Dort wurden wir anderntags wegen Landfriedensbruch und Aufruhrs verklagt.
Mit Ausnahme des Ortsführers des ‚Reichsbanners‘, Genossen Max Günther, der weiter in Einzelhaft verblieb, kamen wir in eine Gemeinschaftszelle. Durch die Intervention der KPD- und SPD-Stadtverordneten wurden wir nach 24 Stunden Haft entlassen. Wir hatten Glück, denn kurze Zeit später kam eine neue Notverordnung heraus, die für ‚Landfriedensbruch‘, also auch Abwehrmaßnahmen gegen faschistischen Terror, eine Mindestgefängnisstrafe von 3 Monaten festlegte.“
Quellen
Otto Weber
- Online-Datenbank: Reichstagsabgeordnete der Weimarer Republik uni-koeln.de/biorab
- Reichstagshandbuch; III. Wahlperiode 1924; Berlin 1925
- Verhandlungen des Reichstages; III. Wahlperiode 1924; Bände 394 u. 422
- Hermann Weber/Andreas Herbst: Deutsche Kommunisten, Biographisches Handbuch 1918-1945; Karl Dietz Verlag Berlin 2008
- Die Reichstagsabgeordneten der Weimarer Republik in der Zeit des National-sozialismus, eine biographische Dokumentation, Düsseldorf 1994
- Mitglieder der Nationalversammlung und des Reichstags der Weimarer Republik; Gedenkbücher im Bundestag, Band III
- VVN-Unterlagen des Brandenburgischen Landeshauptarchivs
- Dem 40. Jahrestag der Deutschen Novemberrevolution gewidmet; Kommission der Kreisleitung des SED Rathenow zur Erforschung der Geschichte der deutschen Arbeiterbewegung; 1958
- Rathenower Zeitung vom 19. Januar 1929
Karl Gehrmann
- „Deutsche Kommunisten“ von Hermann Weber/Andreas Herbst, Karl Dietz Verlag Berlin 2008
- Dem 40. Jahrestag der Deutschen Novemberrevolution gewidmet; Kommission der Kreisleitung der SED Rathenow zur Erforschung der Geschichte der deutschen Arbeiterbewegung: 1958
- u.a.
Paul Szillat
- Siegfried Mielke (Hg.) in Verbindung mit Günter Morsch: Gewerkschafter in den Konzentrationslagern Oranienburg und Sachsenhausen; Biogaphisches Handbuch Band 3; Berlin 2005
- Internet: SPD-Portal „Sozialistische Mitteilungen“ Kapitel 2 der Geschichts-
Seiten der SPD - Wikipedia






