Preußischer und Welfenadel – ihre Spuren in Rathenow
Welch unterwürfige Obrigkeitsdemut, wenn über die in Rathenow zeitweilig gastierenden Fürschten berichtet wird! Will der Bildungsbürger ein wenig Glanz wohlig genießen, wo doch die industrielle Geschichte der Stadt der Optik ein bißchen rot-schmuddelig ist? Das Rot der Glasschleifmittel und das Rot der Fahne, die Sozialdemokraten, Kommunisten und Gewerkschafter selbstbewußt an ihren Feiertagen durch die Straßen trugen. Ja, Rathenow begann spätestens mit Dunckers Manufaktur, eine Stadt der Arbeit, eine Arbeiterstadt, eine Hochburg der Arbeiterbewegung zu werden.
Anfangs war die Demokratiebewegung, und ein Bürgermeister Fischer war 1848 eine Gallionsfigur der Kleinbürger und Arbeiter, aber auch die Bourgeoisie setzte Hoffnung in eine von den feudalistischen Fesseln befreite Republik. Wie die Konterrevolution mit ihren Wortführern Gärtnermeister Bölcke und Ziegeleibesitzer Johann Friedrich Meuß bei Minister Manteuffel und General Wrangel Oberwasser gewann, ist nachzulesen. Die Rathenower Garnison spielte alle Zeiten eine wichtige Rolle, ob Kürassiere oder Zietenhusaren. Sie bildeten die Ordnungsmacht, mit welcher die „Ruhe ist die erste Bürgerpflicht“ Proklamierenden ihren Konservativismus sicherten.
Da schreiben Heutige, buckelnd wie Diederich Heßling bei Heinrich Mann, von „Seiner Majestät“ und lassen keinen Titel aus, wenn sie zum Beispiel vom Kommandeur des Husarenregiments Nr. 3 von Zieten schreiben: Friedrich Karl von Preußen, der ewige „Prinz“. Den sollte man sich genauer ansehen.
Der Neffe von Wilhelm I. war ein schlagender Corpsstudent in Bonn, und ihm reichte zum Ruhme, daß er ein Kind aus dem Rhein rettete und dafür die „Rettungsmedaille am Band“ bekam. Sehr ehrenvoll, aber er erhielt bald andere Orden für ganz gewöhnliche Tötungen. 1848 zog er als Hauptmann in den Schleswig-Holsteinischen Krieg, aber im Jahr drauf wurde er als Major zur Niederschlagung der Badischen Revolution gebraucht. Da allerdings kriegte er selbst was ab. Vielleicht konnte er wegen der schweren Verwundung nicht bei der Ermordung der gefangenen Revolutionäre in Rastatt mitmachen. Einer der Offiziere der Badischen Revolutionsarmee entzog sich dem Mord, er floh in die Schweiz: Friedrich Engels.
Ein paar Jahre drauf war Friedrich Karl schon General und führte seine Truppe im Deutsch-dänischen Krieg. Ja, das war der Sturm auf die Düppeler Schanzen, bei dem – so die Legende – ein Pionier Carl Klinke „mit dem Pulversack“ als Selbstmordkommando sich vor der Schießscharte in die Luft sprengte, damit seine Leiche die Stellung verstopfte. Für solch Verdienst schenkte Wilhelm dem General ein Rittergut bei Zehlendorf, und das nannte der nunmehrige Gutsbesitzer „Düppel“. Im übernächsten Krieg gegen Frankreich 1870/71 sammelt er Siege, und wahrscheinlich ist er bei der Belagerung der Pariser Kommune beteiligt, etwa auch an dem Massaker an der „Mauer der Konföderierten“ auf dem Friedhof Père Lachaise, wo die überlebenden Revolutionäre niederkartätscht werden? Darüber sagt die offizielle Biografie nichts. Der nunmehrige Kaiser Wilhelm I. zahlt ihm für seine Verdienste eine Dotation von 300.000 Talern, und der russische Zar ernennt ihn zum Feldmarschall. Ja, Krieg bringt etwas ein, solange man Sieger ist.
Von 1878 bis 1885 ist Friedrich Karl von Preußen Chef der Rathenower Zietenhusaren, und die kriegen dann bald in der Bahnhofstraße ihre Kaserne und die den Tod Befehlenden ihr Offizierskasino. Das lottert jetzt vor sich hin, und des Hohenzollern Denkmal in Friesack, 1899 eingeweiht, mußten nach 1989 auch erst die neuen Monarchisten wieder aufstellen.
Übrigens: Dem „leider“ nicht in Rastatt ermordeten Friedrich Engels wurde eine Straße geweiht, vom Offizierskasino ein paar Schritte weiter an der nächsten Ecke.
Da kommt ein weiterer Rathenower Gast aus dem Hochadel ins Spiel. Ernst August von Hannover, Herzog von Braunschweig – ein Welfe. Seine Sippschaft betreibt emsig Heiratspolitik, um mehr Macht in die Hände zu kriegen. Und das ist hochpolitisch. Dem Ernst August wird Viktoria Luise, die einzige Tochter von Kaiser Wilhelm II., zugeordnet. Die Verbindung soll den „Kitt für den jahrzehntealten Riß zwischen Hohenzollern und Hannover“ liefern. Mit dem Treueid auf den Kaiser wird er zugleich Rittmeister und Eskadronschef der Zietenhusaren in Rathenow, dem Eliteregiment. Der Deal durch den Bundesrat lautet: Kein Anspruch auf das Herzogtum Braunschweig, aber regierender Herzog zu Braunschweig und Lüneburg; dafür bleibt Hannover preußisch.
Der ganze Handel geht in kurzer Frist: 24. Mai 1913 Heirat; 27. Oktober 1913 Verzicht auf Braunschweig; 1. November 1913 Einzug ins Braunschweiger Schloß. Ernst August und Viktoria Luise wohnen also nur gut fünf Monate in der Rathenow „Prinzenvilla“ an der Ecke Derfflinger-Straße, die heute Friedrich-Engels-Straße heißt. Aber das reicht zum Schwelgen der Nostalgiker.
Dabei ist der Werdegang von Ernst August gar nicht ruhmvoll. Der Generalmajor muß bei der Novemberrevolution 1918 vor dem Braunschweiger Arbeiter- und Soldatenrat abdanken. Nach der Fürstenabfindung 1924, nicht etwa Enteignung!, klagt er sofort und dauerhaft bis 1933 auf die Rückgabe des „Welfenschatzes“, und er kriegt 8 Millionen Reichsmark „Entschädigung“. Nun muß man wissen, daß diese Schwarze Kasse – „Reptilienfonds“ genannt – 16 Millionen Taler umfaßte und schon einst von Reichskanzler Bismarck zum größten Teil verwendet wurde, um die Presse unter Druck zu setzen oder zu bestechen. So etwas war nicht neu und ist längst nicht Vergangenheit.
In der Nazizeit etablierte er sich in der Rüstungsindustrie. Seine Flugzeug- und Metallbau-werke Wels (FMW) bauten im Geheimen das Düsenflugzeug Me 262 in einem Bergmas-siv, das von Häftlingen des KZ Mauthausen-Gusen in den Berg gehauen wurde. Das war ein Geschäft! 1944 wurde die Maschine eingeführt, aber da war der Krieg schon verloren.
1930 hatte sich Ernst August auf dem Schloß Blankenburg/Harz eingenistet. Fünfzehn Jahre später kamen nun die Russen, aber ehe die Besatzungstruppen wechselten, halfen die Briten ihrem Klassenbruder bei der Flucht. Das Schloß konnten sie nicht mitnehmen, aber alles, was nicht niet- und nagelfest war. 30 britische LKW transportierten das Wichtigste nach Marienberg bei Hannover.
1953 starb der Alte. Seine Sippschaft mußte sich damit abfinden, daß die Güter im Osten alle futsch waren. Enteignung der Kriegsverbrecher, sagten die Roten in der DDR. Aber da kam ja noch ganz unverhofft eine jähe Wende, als die Deutsche Demokratische Republik in die Bundesrepublik einverleibt wurde. Jetzt konnten die Enkel klagen, weil ja die schlauen Westgermanen unter Wolfgang Schäuble mit ihrem Ost-Lakaien Günter Krause die Regel durchsetzten: Rückgabe vor Entschädigung! Aber es klappte nicht so recht. Die Bodenreform war nicht einfach außer Kraft zu setzen, und da wurde es nichts mit der Rückgabe von Ernst Augusts Schlössern und Gütern in Ostdeutschland, die einen geschätzten Wert (2005) von ca. 100 bis 150 Millionen Euro hatten. Die Nachkommen verloren die Prozesse. Aber sie kriegten „alle beweglichen Güter“, die damals – 1945 – nicht auf die Lkw’s gepaßt hatten: Möbel, Gemälde, Porzellan usw. Die wären ja nicht unter die Bodenreform gefallen! Das Zeug versteigerten sie und sahnten etwa 25 Millionen Euro ab. Zwar ein „Verlustgeschäft“, aber immerhin keine Nullnummer.
So ist das mit den ewigen „Durchlauchten“: Der Krieg war und bleibt ihr Geschäft. Während ihre Soldaten auf den Schlachtfeldern verbluten, sterben sie im Bett. Aber vorher machen sie so richtig Kasse, denn sie verrichten ja die Drecksarbeit ihrer noch höheren Herren. Die schenken ihnen Tausende Taler oder Ländereien, Titel und Privilegien. Und wenn der Adel nicht mehr gefragt ist, gibt es andere Geschäftsmodelle. Bei den Nazis funktionierte es besonders gut. Und als (scheinbar) deren letztes Stündlein schlug, bot die „Marktwirtschaft“ neue Tätigkeitsfelder.
Im Schloß Blankenburg hing zu DDR-Zeiten in einer Fensternische eine aufschlußreiche Übersicht über die Ausbeutung von Ernst August’s Abhängigen: Löhne, Lebens-bedingungen und so. Die verschwand 1990 natürlich.

