Paul Lejeune-Jung

Dieter Seeger

Eine biographische Skizze

Ihn als Rathenower zu bezeichnen, ist wohl etwas übertrieben. Er wurde nicht hier geboren, und er starb auch nicht in unserer Stadt. Aber er verlebte seine Kinder- und einen Teil seiner frühen Jugendjahre in Rathenow: Der Mann mit dem zur Hälfte französischen Doppelnamen.

In Brandenburg finden nach dem Edikt von Potsdam 1685 viele flüchtende Hugenotten als willkommene Wirtschaftseinwanderer eine neue Heimat und kriegen Privilegien als Draufgabe. Schon vier Jahre später wird in Berlin ein Französisches Gymnasium eröffnet – das alles birgt Aufstiegsmöglichkeiten. Auch die französisch-reformierte Familie Lejeune siedelt sich an, und irgendwann verbandelt sie sich mit der Berliner Apothekerdynastie Jung. (In der Jung’schen Apotheke wird um 1845 Theodor Fontane, ein anderer Hugenotte, arbeiten). Einer der Söhne strebt zur See, statt Pülverchen zu mischen. Er wird Kapitän auf einem englischen Handelsschiff. Der weitgereiste, wettergebräunte Kerl wird wohl nach seinem Abschied von der Seefahrt weder in Hamburg noch im späteren Wohnsitz Köln Mangel an weiblichen Ehekandidaten gehabt haben. In Köln, so ist zu vermuten, nimmt ihn eine rheinische Katholikin für sich ein. Ob die Heirat eines Protestanten in dieser schwarzen Gegend und zu dieser Zeit einfach zu bewerkstelligen war? Mußten Zugeständnisse gemacht werden? Wir können nur spekulieren. Der katholische Zweig der Familie ist jedenfalls begründet.

Paul wird 1882 in Köln geboren. Die Mutter drängt energisch auf die katholische Taufe für alle ihre Kinder. Sie stellt Weichen. Irgendwann siedelt Familie Lejeune-Jung nach Rathenow über. Man wohnt standesgemäß in einer der bekanntesten und schönsten Villen der Stadt, die vom Weinberg einen herrlichen Blick auf Rathenow gewährt. Ja, es ist die spätere Ausflugsgaststätte „Wilhelmshöhe“. Paul wird in Rathenow eingeschult und hat einen kurzen Schulweg zum Realgymnasium. Ein Stück über den Weinberg, den Friedhofsweg hinunter zur Brandenburger Straße, dann biegt er in den Schulgang ein und ist am Ziel: Keine Viertelstunde. Aber, die Mutter wird es bedauern, diese Schule ist keine Konfessionsschule, wie sie sie von Köln kennt. Es ist auch keine humanistische Bildungsanstalt, sondern eine naturwissenschaftlich-technisch ausgerichtete. Zu wenig Latein, kein Griechisch! Aber was soll man machen?

Der Vater stirbt, als Paul in der ersten oder zweiten Klasse ist. Damit verändern sich die Lebensumstände. Nicht dass die Familie in Not gerät; man hat Vermögen. Aber die Bezugsperson fehlt nun. Wer um die großbürgerliche Familie zur Kaiserzeit weiß, kennt auch die unumschränkte Vorherrschaft des „Familienoberhauptes“. Tritt nun die Autorität der Mutter an seine Stelle? Führt sie jetzt ein „strenges Regime“? Wir können nur orakeln.

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Garten der Villa

Das Familienfoto vom Garten der Villa zeigt, dass die Kindererziehung natürlich der „Kinderfrau“ und den anderen Hausangestellten zufiel. Das Kommando führt aber mit Sicherheit die Mutter. Sie läßt Paul bis zur mittleren Reife am hiesigen Realgymnasium. Dann gibt es eine rigorose Veränderung. Grundstück und Villa werden für die neue Lebensplanung an die Rathenower Bauerei, die spätere „Engelhardt-Brauerei“, verkauft. Die lässt übrigens einen Musikpavillon und andere Nebengebäude errichten: Der sonntägliche Anziehungspunkt für Jung und Alt ist etabliert.

Die Familie zieht in Mutters vertrautes Katholikenland. Freche Zungen lästern heutzutage: Schwarz – Münster – Paderborn. Genau dahin geht es. Paul kommt ins Theodoranium, das humanistische, katholische Gymnasium Paderborn. Eine der zehn ältesten Lehranstalten im deutschsprachigen Raum, gegründet 799! Mitten in der Stadt, unweit vom Rathaus, steht das wuchtige Gebäude, von Traditionen wie Fesseln fast erdrückt. Zu dessen Absolventen, den „Theodorianern“, gehören Bischöfe, Geistesgrößen und Politiker. Damit kann man angeben: Wo ich in die Penne ging … Aber Mutter Lejeune-Jung werden nicht der Komponist Engelberg Humperdinck oder der ruhmbedeckte Dichter Friedrich Wilhelm Weber den entscheidenden Standortfaktor geliefert haben.

Obwohl: Weber (1813-1894) war auch Arzt und Politiker, und sein Hauptwerk „Dreizehnlinden“ hat er erst mit 63 Jahren geschrieben. Das Kloster Corvey schwebte ihm als Handlungsort vor, wo er vor dem Hintergrund des „Sachsenkrieges“ die Handlung zwischen 822 und 823 ansiedelt. Der Krieg zwischen den Sachsen und den fränkischen Eroberern und dessen Ende mit dem Blutgericht von Verden, wo Karl der Große 782 an der Aller 4.500 als an der Erhebung beteiligte Sachsen an einem Tag enthaupten ließ, bildet den Rahmen. Aber da ist soviel Geschichtsretusche im Spiel, deren sich bis zu Goebbels und Hitler viele bedienten, um entweder die gewaltsame Missionierung der heidnischen alten Niedersachsen zu rechtfertigen oder die Unterwerfung als „notwendige Vorbedingung“ zur späteren Kolonisation des slawischen Raumes jenseits der Elbe ins ideologische Spiel zu bringen. „Dreizehnlinden“ erlebte schon bis 1922 zweihundert Auflagen, bis heute sollen zwei Millionen Exemplare verkauft worden sein. Na das war doch mal ein Standardwerk für die Ideologie-Köche! Auch Adenauer verehrte und bewunderte Weber. Das Buch stand bis in die 50er Jahre fest in der Schulbuchliste der BRD.

Aber kaum etwas in jeglicher Gesellschaft ist rein schwarz-weiß. Friedrich Wilhelm Weber war ein Demokrat, da sollten die Konservativen schon misstrauisch sein. („Gegen Demokraten helfen nur Soldaten“, wusste 1848 der preußische „Kartätschen-Prinz“, der folgerichtig deutscher Kaiser werden sollte.) Den Dichter/Politiker rief man den „roten Weber“, der als Zentrumspolitiker in den Preußischen Landtag einzog. Der war dann doch eher keine Identifikationsfigur für Frau Lejeune-Jung. Trotz der „Dreizehnlinden“-Botschaft: Überwindung von Zwietracht und Gewalt durch Toleranz und Nächstenliebe. Doch wer sagt denn, für wen Frau L.-J. Toleranz beanspruchte und Nächstenliebe befürwortete?
Vielleicht wäre der zu Paul sechs Jahre ältere Theodorianer Wilhelm Cuno ein Leit-bild gewesen? Denn der wurde später Reichskanzler, wenn auch nur für 9 Monate. Den HAPAG-Generaldirektor ernannte Reichpräsident Friedrich Ebert 1922 am Parlament vorbei zum ersten „Präsidialkanzler“. Er scheiterte an der rasenden Inflation und seiner passiven Haltung zum Kampf gegen die Ruhrbesetzung durch Frankreich.

Egal, jetzt musste Paul Latein nachholen und Griechisch büffeln. 1901 legt er das Abitur ab. Und diese Bildungsanstalt hat einen hohen Rang, ist sehr zuträglich für die Karriere. Es schließt sich auf Drängen der Mutter das Studium der katholischen Theologie an, denn Paul soll Priester werden. Aber er wechselt nach Bonn und belegt Philosophie und Geschichte, promoviert zum Dr. phil. und geht zum erweiternden Studium der Volkswirtschaft und Wirtschaftsgeschichte an die Berliner Universität.

Man weiß natürlich, was den persönlichen Werdegang befördert. Will Paul in der oberen Gesellschaft Fuß fassen, geht das nur über die Schlagenden Verbindungen. Er wird aktiv in der Burschenschaft Saxonia Köln, später in der Gothia Berlin. Da kriegt man über die „Alten Herren“ Zugang zu den entsprechenden einflussreichen Posten. Folgerichtig wird er ins Reichskolonialamt protegiert. Dort ist er 1907 bis 1909 Assistent. Aber „die Musik“, das weiß er seit dem Berliner Studium, spielt künftig in der Wirtschaft. So geht er 1910 in die Papier- und Zellstoffindustrie.

Mit seinem Gehalt kann er nun eine Familie gründen. Er heiratet 1913, da ist er 31 Jahre alt. Acht Kinder werden in der Folge geboren. Aber zunächst kommt der Erste Weltkrieg mit seinen Karrierechancen. Paul Lejeune-Jung wird in das Kriegsministerium berufen, dort braucht man für die Kriegswirtschaft junge, tatkräftige Leute, die Erfahrungen aus einer Branche mitbringen. Aber es hilft alles nichts – der Krieg mit der beabsichtigten Neuaufteilung der Welt geht schmachvoll verloren, die Novemberrevolution verjagt den Kaiser. Da muß man sich neu orientieren. Und Paul zieht es in die Politik. Er will an die staatlichen Schalthebel. So wird er Mitglied der Deutsch-Nationalen Volkspartei (DNVP), eine konservative, dem Kaisertum nachtrauernde Partei des Großbürgertums. 1924 wird er in den Reichstag gewählt. In der DNVP-Fraktion ist er ein Vertreter der Rechtskatholiken, die – im Gegensatz zum republikanischen Zentrum – monarchistisch orientiert sind. Aber er gilt innerhalb der DNVP als „Gemäßigter“ mit positiver Mitarbeit im Weimarer Staat.
Lejeune-Jung wird Mitglied und dann Vorsitzender des Handelspolitischen Ausschusses, und er nimmt als solcher an den Internationalen Parlamentarischen Konferenzen in London (1926), Rio de Janeiro (1927) und Berlin (1929) teil.

Seine politische Grundeinstellung geht aus einem Schreiben der 20er Jahre (undatiert) im Zusammenhang mit einem Memorandum hervor, dessen Mitverfasser er ist. Der Fuldaer Bischofskonferenz wird darin die beabsichtigte Gründung des „Reichsausschusses der Katholiken in der DNVP“ mitgeteilt. Die Autoren distanzieren sich deutlich von der Zentrumspartei, „welche den Ausgang jeder Gewalt von Gott leugne und stattdessen die verhängnisvolle Irrlehre von der Volkssouveränität verkünde.“ (Hervorhebung des Authors) Die Rechtskatholiken stehen mit ihrer Polemik „über das Verhältnis der Katholiken zur republikanischen Staatsform“ dazu konträr. Trotzdem gilt er als „Gemäßigter“?

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Paul Lejeune-Jung

Lejeune-Jung drängt es in die Spitzen der Gesellschaft, er wird Mitglied des konservativen Deutschen Herrenklubs. Wir erinnern uns: Der Deutsche Herrenklub wurde der Hauptförderer der Hitlerfaschisten. Geht Pauls Drang schon zu dieser Zeit in Richtung eines autoritären Staates? Als DNVP-Chef Hugenberg 1929 ein Volksbegehren gegen den Youg-Plan propagiert, tritt Paul aus der Partei aus. Er gehört ab 1930 zur Volkskonservativen Vereinigung, die in die Konservative Volkspartei (KVP) übergeht. 1932 findet er sich in der (zuvor vehement abgelehnten) katholischen Zentrumspartei, deren rechtem Flügel er angehört. Kanzler Brüning beruft ihn schon 1931 als Sachverständigen für eine europäische Wirtschaftsunion.

Doch 1933 ist er bei der Machtübertragung an Hitler im Abseits. Er lehnt das NS-Regime ab. In einem Brief an seinen Freund Treviranus schreibt er (1933): „Der Bruch der rechtsstaatlichen Ordnung wird das Reich zum bitteren Ende einem Wahnsinnigen ausliefern, sofern nicht Wehrmacht und Gerichte den Verfassungsbruch kennzeichnen und den Usurpator stürzen.“ Seine späteren politischen Aktivitäten bestätigen, dass es seiner Überzeugung entspricht.

Mal abgesehen von der Ambivalenz, der Widersprüchlichkeit Paul Lejeune-Jungs: Bemerkenswert ist seine Auffassung von der Rolle der Wehrmacht. Sie stimmt absolut überein mit der der Offiziersverschwörer, wie sich zeigen wird. Nur meinen alle mit „Wehrmacht“ natürlich nicht die Muschkoten; die haben Befehle auszuführen, sonst nichts. Wen sie meinen? Natürlich die „Raupenschlepper“, die Stabsoffiziere und Generäle. Aber die Mehrzahl ist – wie sie selber – für und mit Hitler durch dick und dünn gegangen bei dem Krieg um die Weltherrschaft! Erst die Niederlagen haben bei einigen ein Umdenken bewirkt. Nun suchen sie für die faschistische Diktatur eine Alternative. Die Machtübernahme durch eine Militärjunta würde vom deutschen Volk kaum auf Dauer akzeptiert, denn dessen späte Erkenntnis der Mitschuld an der Hitlerherrschaft – man hatte die Bande ja mehrheitlich gewählt! – hätte wohl nur ein demokratisches Staatswesen als Ausweg zugelassen. Also, so beschließt die Offiziersverschwörung um General Ludwig Beck, muß beizeiten eine Zivilregierung präsentiert werden. Über den Kontakt mit der Gruppe um Carl Friedrich Goerdeler (1884-1945), ehemals Oberbürgermeister von Leipzig, sucht man Kandidaten für dessen Regierung

Über die berufliche Tätigkeit Lejeune-Jungs ab 1933 ist nichts zu finden. Ist er vielleicht wieder in der Wirtschaft? 1941/42 bekommt er jedenfalls über die Verschwörer Habermann und Goerdeler Kontakt zum bürgerlichen Widerstand. Diese Gruppe betraut ihn mit einer wichtigen Aufgabe: Er soll das wirtschafts-politische Konzept für die Zeit nach dem Sturz der Diktatur ausarbeiten. 1943 finden in seinem Haus mindestens zwei Besprechungen statt, an denen unter anderem die Gewerkschafter Max Habermann, Wilhelm Leuschner und Julius Leber sowie der ehemalige deutsche Botschafter in Moskau, Graf von Schulenburg, und Josef Wirmer teilnehmen. Im gleichen Jahr ist das „Reichsgrundgesetz über wirtschaftliche Reichsgerechtsame“ fertig. Der Konservative ist über seinen eigenen Schatten gesprungen, denn er fordert planwirtschaftliche Maßnahmen: Die Überführung der Bodenschätze in Reichseigentum sowie die Sozialisierung der Schlüsselindustrie, das Verkehrs- Versicherungs- und Außenhandelsmonopol für den Staat. Das Goedeler-Kabinett in spe ist sich jedoch nicht einig über die wirtschaftspolitischen Vorstellungen Lejeune-Jungs. Wen wundert das?

Heute wird mancher erstaunt sein vom politischen Weitblick Lejeune-Jungs für die Zeit nach Hitlers Sturz. Sozialisierung? Ist das nicht der Weg zum Sozialismus? Da muß man genauer hinsehen.

Die Novemberrevolution 1918/19 war ohne Folgen für die monopolkapitalistische Wirtschafts- und Gesellschaftsordnung geblieben. Dafür hatte die SPD-Führung um Ebert-Scheidemann-Noske gesorgt, die „Sozialisierung marschiert!“ plakatierte, aber heimlich mit der Obersten Heeresführung und den Freikorps paktierte und die Revolution abwürgte, um die Weiterführung zur sozialistischen Revolution zu verhindern. Die revolutionäre Nachkriegskrise änderte nichts mehr, der Kapitalismus konnte sich stabilisieren.

1944 aber drohte mit der bevorstehenden totalen Niederlage des faschistischen Deutschlands der moralische Tiefpunkt für die bisherige Klassengesellschaft. Die Wirtschafts- und Finanzclique hatte sich durch die Verbrüderung mit den Hitlerfaschisten die Weltherrschaft erträumt, jetzt saß sie tief in der Tinte. Es musste durch die Putschisten eine Entmachtung der Kriegsschuldigen und Kriegsgewinnler erfolgen, damit die herrschende Klasse glaubhaft blieb. Denn ihre Klassenherrschaft wollten sie doch nicht abgeben!

So bleibt die Spekulation, welche Regierungsform den uniformierten und zivilen Akteuren vorschwebte. Eine Militärjunta? Die Wehrmacht betrachteten sie doch als einzig verlässliche Ordnungsmacht. Eine Präsidialdiktatur? Man musste ja die eigene Machtausübung auf längere Zeit absichern. Die bürgerlich-parlamentarische Demokratie? Wohl als anzustrebendes Fernziel. Josef Wirmer und Jakob Kaiser legten lediglich die Liste mit „politisch Beauftragten“ vor, die im Falle des Staatsstreiches („Walküre-Operation“) an die Seite der oppositionellen Militärs treten sollten. Sogar eine Restitution des deutschen Kaiser- und preußischen Königtums zu einer parlamentarischen Monarchie war im Gespräch – und Louis Ferdinand von Preußen stand als Kaiser bereit. (Auch noch später in der BRD!) Noch ein „Treppenwitz“ gefällig? Als Minister für Rüstung hatten die Putschisten den Günstling von Hitler, Albert Speer (NSDAP) vorgesehen. Der stand aber nicht vor Freisler als Angeklagter, sondern beim Nürnberger Hauptkriegsverbrecher-Prozeß. Das Urteil: 20 Jahre Haft.

Sehen wir über das Scheitern der Leute vom 20. Juli hinaus, so finden wir auch in den Programmen der bürgerlichen Parteien Nachkriegsdeutschlands die Forderungen Lejeune-Jungs. Beispiele: Die Gründungsaufrufe der bürgerlichen Parteien CDU und LDP, die nur in der Ostzone wirksam blieben. Das Ahlener Programm der West-CDU. Selbst in der hessischen Landesverfassung ist unter anderem die Enteignung der Schlüsselindustrie festgeschrieben. Paul Lejeune-Jung war also kein Revolutionär, er bediente einen Geist der kommenden Zeit, der aber im Westen mit der Entfachung des „kalten Krieges“ gegen den Osten schnell erlosch. Dort setzte man dann auf den „rheinischen Kapitalismus“, einer „sozialen Marktwirtschaft“ des Teilens mit den Ausgebeuteten (das allerdings sehr ungleich war) und Herrschens der schon abgewirtschafteten Klasse.

Zurück zum Schicksal des designierten Wirtschaftsministers Paul Lejeune-Jung. Der Offiziersputsch wird noch am 20. Juli 1944 niedergeschlagen. Die Spitzen der Verschwörung werden in der Nacht im Hof des Stabsgebäudes in der Bendlerstraße niedergemäht. Der Rachefeldzug beginnt. Rasch haben die Faschisten die Akteure gefasst, wozu auch alle Mitglieder der vorgesehenen Regierung gehören. Sie fallen den Häschern am 11. August in die Hände und kommen vor den sogenannten Volksgerichtshof Freislers, der im Kammergericht wütet. Die „Verhandlung“ gegen Goerdeler, Lejeune-Jung, Leuschner, von Hassel und Wirmer ist am 7. und 8. September 1944. Alle erhalten wegen Hoch- und Landesverrat das Todesurteil und werden – wie Paul Lejeune-Jung – sofort am Galgen hingerichtet, mit Ausnahme von Goerdeler. Über ihn will die Gestapo weitere Verschwörer ermitteln, aber als sie scheitert, wird er am 2. Februar 1945 erhängt.

Das Andenken an das ehemalige Mitglied des Reichstages Paul Lejeune-Jung wird mit dem „Denkmal zur Erinnerung an 96 von den Nationalsozialisten ermordeten Reichstagsabgeordneten“ vor dem Gebäude in Berlin wach gehalten. Es sind 96 stehend nebeneinander angeordnete gusseiserne Platten mit den Lebensdaten der Ermordeten. „Paul Lejeune-Jung * 1882 + 1944, Zuchthaus Berlin-Plötzensee, CHR.N.A.“ lautet die Inschrift.

Ergänzendes ließ mich ein Amerikaner wissen: Hans Copek aus den USA, wohnhaft in Boston, wohnte bis 1945 in der Villa Wilhelmshöhe, Weinberg 4. Er berichtete weitere Details.

Die Witwe des Kapitäns verkaufte – wie bereits erwähnt – nach dem Tod ihres Mannes 1889 das Grundstück an die örtliche Brauerei (später Engelhardt), um den Söhnen eine gediegene Ausbildung zu ermöglichen, schreibt Copek. Die Brauerei baute damals einen Musikpavillon, und Wilhelmshöhe wurde zum beliebten Gartenlokal. Der Tiefpunkt der Nutzung war 1941 erreicht, als die Veranda, der Tanzsaal und die Kegelbahn zum Zwangsarbeiterlager für Franzosen, Holländer, Italiener und (ab 1943) Polen wurden.

Zur Familie Lejeune-Jung schrieb mir Hans Copek: Ein Bruder des Hingerichteten war mein Lehrer (Studienrat) an der Oberschule. Eines Tages nahm er mich beiseite und sagte: ‚Weißt du, dass ich mal in dem gleichen Haus gewohnt habe?’ Ich traf ihn noch einmal im Sommer 1945. Er sagte, er würde Direktor der Oberschule werden, sobald die Schule wieder anfängt. Der Unterricht ging los … ohne Dr. Lejeune-Jung.“

Offenbar wurde (nur im Fall Lejeune-Jung?) keine Sippenhaft verhängt. Denn waren „Volksverräter“ überführt, wurden alle Mitglieder der „Sippe“, also die Verwandten ersten Grades, mit KZ-Deportation „haftbar“ gemacht. Ein Racheakt, der als Warnung an die Adresse aller Widerständler von den Nazis praktiziert wurde. Das erfolgte im vorliegenden Fall nicht, denn der Bruder Pauls blieb in Freiheit und sogar im Amt. Die Gründe liegen im Dunkeln.

Der Lehrer hoffte wohl, als Bruder des Widerstandskämpfers für einen höheren Posten ausgewiesen zu sein. Aber dazu hatte – kann man vermuten – der Volksbildungsstadtrat Rathenows, Otto Weber, eine andere Meinung. Er war von der sowjetischen Stadtkommandantur eingesetzt worden und stand dem Schuloffizier Leutnant Leyna zur Seite, als es um den Einsatz der Lehrer ging. Weber, der Rathenower Kommunist und Widerstandskämpfer mit den Klassenkampferfahrungen der Zeit nach dem 1. Weltkrieg und während der Hitlerherrschaft, misstraute ganz sicher den Bürgerlich-Konservativen, den reaktionären Leuten aus dem deutsch-nationalen Umfeld. Und, wer weiß, vielleicht kam Dr. Lejeune-Jung auch nicht durch die Entnazifizierung.

Die Adressbücher der Stadt Rathenow geben keine Auskunft darüber, wo Dr. Lejeune-Jung wohnte. Zu seinem Verbleib nach 1945 kann man nur vermuten, dass er in eine westliche Besatzungszone ging.

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Stolperstein zur Erinnerung an seinem letzten Wohnsitz.

Quellen:
Hans-Rainer Sandvoß: „Widerstand in Steglitz und Zehlendorf“; Reihe „Widerstand 1933-1945“, herausgegeben von der Gedenkstätte Deutscher Widerstand 1986
Wikipedia: „Das Schattenkabinett Beck-Goerdeler“ und themennahe Seiten
Markus Kniebeler: „Behütete Kindheit, tragisches Ende“, MAZ v. 11.11.2005
Bericht von Hans Copek, Boston/USA

Gymnasium Theodorianum Paderborn – Ehrentafel (Auszug)
Friedrich Wilhelm Weber
Der Sänger von „Dreizehnlinden“
1813-1894

Engelbert Humperding
Komponist
1854-1921

Wilhelm Cuno
Reichskanzler
1876-1933

Paul Lejeune-Jung
Mitgl. Widerstands-Regierung
1882-1944

Franz-Josef Schulze
NATO-Oberkommandierender Europa-Mitte
1918-2005