Paßfälscher 1925
Im März 1925 meldeten die Rathenower Zeitungen Ungeheures: „Die kommunistische Paßfälscherwerkstatt – vier Rathenower Kommunisten vor Gericht.“ Sie waren in Berlin-Neukölln verhaftet worden und wurden angeklagt. Es waren die kommunistischen Stadtverordneten Wilhelm Görn und Otto Ganske, der im Kommunistischen Jugendverband aktive Friedrich Kulf und der KPD-Mann Friedrich Leist. Ein Monteur, ein Malergehilfe, ein Hornarbeiter und ein optischer Arbeiter. Was führten sie Kriminelles im Schilde? Der Staatsanwalt warf ihnen vor, mit den gefälschten Ausweisen verfolgten Kommunisten die Flucht zu ermöglichen.
Also gab es eine Kommunistenjagd. Das war in all den Jahren des Bestehens der KPD nicht selten, denn die Revolutionäre rüttelten ja an der Macht der Kapitalisten und ihres Staatsapparates. Und das war nach bürgerlichem Verständnis Vorbereitung zum Hochverrat. Doch die Urteile lauteten auf lediglich einen Monat Haft zur Bewährung und jeweils 100 Mark Geldstrafe.
Da muß man wohl die politische Situation betrachten, nach der weitgehend gescheiterten Novemberrevolution 1918 und dem Abebben der revolutionären Nachkriegskrise, jetzt wo sich die kapitalistischen Strukturen relativ stabilisierten. Die Deutsch-Nationalen waren tonangebend, der Straßenterror der Nazis bahnte sich bereits an. 1925/Anfang 1926 hatten die Nazibrüder Kurt und Erich Daluege die Rathenower NSDAP und den „Frontbann“ gegründet. Erich arbeitete in der Stadtverwaltung, Kurt war Tiefbauingenieur im Osthavelland¹. Die Hitlerfaschisten begannen ihren Weg zur Macht.
Vielleicht war alles auch ganz einfach. Man konnte den vier Rathenowern keine konkreten Gesetzesverletzungen nachweisen. Das würde ein paar Jahre später absolut anders werden, die Gestapo brauchte keine Beweise.
Als die faschistische Wehrmacht 1940 das neutrale Holland überrannte, um in Frankreich einzufallen, organisierte sich der Widerstand. Eine Gruppe von 23 Studenten der Amsterdamer Universität erkundeten die Stellungen auf dem Flughafen Schipol für die britische Luftwaffe. Dann begann die Judenverfolgung. Um die Menschen in Sicherheit zu bringen, besorgten die jungen Leute sichere Quartiere und versorgten sie. Aber sie brauchten angesichts laufender Kontrollen auch Papiere. Johannes Maarten Los wurde ein geschickter Fälscher von Personalausweisen, mit denen die jüdische Herkunft verschleiert werden konnte. Auch Lebensmittelkarten fertigten sie an. Die Widerständler konnten vielen Juden bei der Flucht helfen und sie vor dem Tod in den Vernichtungslagern bewahren.
1943 spürte die Gestapo die Gruppe auf. Die Mitglieder kamen nicht vor ein Gericht, sondern ins Konzentrationslager. Johannes Los erhielt im KZ Sachsenhausen die Häftlingsnummer 100535 und gelangte ins Außenlager Rathenow. Er überlebt knapp und wurde am 26. April 1945 von der sowjetischen Armee befreit².
Die gleiche Initiative wie in Amsterdam entwickelte sich in der Bekennenden Kirche in Berlin-Dahlem. Franz Kaufmann war einer der Fälscher für Kennkarten, Lebensmittel-karten und andere Dokumente, mit denen Juden und politische Nazigegner fliehen und überleben konnten. 1943 deckte die Gestapo die illegale Tätigkeit auf. Die Verhafteten kamen in Haft oder KZ, Franz Kaufmann wurde von der Gestapo erschossen.
Als den deutschen Faschisten bewußt wurde, daß ihre Raubkriege mißlangen und der Untergang des „Tausendjährigen Reiches“ näher rückte, bäumten sie sich unter Zuhilfenahme jedes kriminellen Mittels auf. Dazu zählten sie die wirtschaftliche Zerrüttung der Kriegsgegner durch die Einschleusung von Falschgeld.
Der SS-Sturmbannführer Bernhard Krüger³ ließ im KZ Sachsenhausen die Häftlingsblöcke 18 und 19 mit Stacheldraht einzäunen und holte 144 jüdische Spezialisten aus den vielen Vernichtungslagern, damit sie in großem Stil britische Pfund- aber auch Dollarnoten, Aktien und andere Dokumente anfertigten. Unter ihnen war der Kommunist Peter Edel, ein Berliner Maler und Grafiker. Die Häftlinge mußten unter Todesdrohung Geld fälschen. Sie verzögerten die Fertigung durch immer neue Einfügungen von „Fehlern“, denn sie würden den Anlauf einer erfolgreichen Fabrikation nicht überleben. Schließlich lagen halbwegs brauchbare 132 Millionen Pfund Sterling bereit. Das war in der Endphase des Krieges, die Rote Armee kam schon über die Oder. Die Häftlinge wurden eilends nach Österreich ins KZ Ebensee verbracht, wo die Tausenden KZ-ler gezielt chaotische Zustände erzeugten, in denen eine Massenvernichtung nicht mehr möglich war. Die Fälscher konnten in der Masse verschwinden. Sie wurden befreit. Peter Edel hat diese Geschichte 1979 in seinem Buch „Wenn es ans Leben geht“ der Nachwelt vorgelegt.
Fälscher? Wenn zwei oder mehr das Gleiche tun, ist es noch lange nicht dasselbe.
¹) Erich Daluege flog 1927 als Verantwortlicher der Nazibrandstiftung an der Rathenower Synagoge aus dem städtischen Dienst. Kurt machte als Chef der „Ordnungspolizei“ innerhalb des Reichssicherheitshauptamtes Karriere. Der SS-General befahl das Kriegsverbrechen in Lidice und wurde 1946 in Prag zum Tode verurteilt und hingerichtet.
²) Johannes Maarten Los wurde 1990 in der Jerusalemer Gedenkstätte Yad Vashem als „Gerechter unter den Völkern“ geehrt.
³) Bernhard Krüger wurde 1946 verhaftet und verbrachte vier Jahre in britischer Haft. Er wurde juristisch nie belangt. Er lebte und arbeitete dann in Dassel, Papierfabrik Hahnemühle, die das Papier für die gefälschten Pfundnoten geliefert hatte. Er starb unbehelligt 1989 in Hamburg.

