Olaf Saile

Dieter Seeger

„Am 27.6.1933, früh ca. 5 Uhr, wurde mein Redakteur, Herr Olaf Saile, aus dem Bett heraus verhaftet“, schreibt der Besitzer und Herausgeber der „Rathenower Zeitung“ in seinem Gesuch am 28. Juni 1933 an das Reichsministerium des Innern in Berlin. Was war passiert?

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Nach der Übertragung der Reichskanzlerschaft durch den Präsidenten von Hindenburg an Adolf Hitler – der erste gab den Forderungen der Wirtschaftsbosse nach, der zweite hatte vor deren Düsseldorfer Industrieklub beizeiten seine wirtschaftliche und politische Linie angepriesen – wurden alle politischen Gegner aus dem Weg geräumt. Zuerst die Jagd auf Kommunisten („die haben den Reichstag angesteckt!“), dann das Verbot der SPD am 22. Juni 1933. Da wurde eben auch der den Nazis verhaßte Redakteur Olaf Saile „abgeholt“. Ab ging’s ins KZ Oranienburg – da saßen die Kommunisten längst.

Dem Herrn Wenckebach von der „Rathenower Zeitung“ geht das zu weit. „Meine Zeitung hat bis Ende vorigen Jahres die Bürgerliche Mitte vertreten“, schreibt er ans Ministerium und beginnt zu beteuern, daß „die Zeitung seit dem Januar 1933 ohne weiteres die Interessen der Partei, oder zumindest der Regierung, vertreten hat und zwar, wie ich hinzusetzen darf, aus vollster Überzeugung.“ Und um seinen „Leumund“ zu beweisen und sich selbst aus allem Verdacht heraus zu drücken, legt er nach: „Ein weiterer Beweis dürfte der sein, daß meine Zeitung noch niemals auch nur für einen Tag verboten war.“ Also linientreu Nazi? Klar, er führt rasch noch an, daß „auch die ‚Adolf Hitler Spende‘ von mir bezahlt wird“. So hat er sich bei dieser günstigen Gelegenheit auch noch in die völkische, nationale Bewegung der NSDAP eingebracht.

Nun aber will er seinen einzigen Redakteur vom KZ zurück. Einer muß schließlich die Arbeit machen. Mit dessen Verhaftung sieht er einen Eingriff in seinen Betrieb, und diese sollen doch nunmehr abgeschlossen sein? Das schreibt er und beteuert, daß Saile „in der Zeitung unbedingt für die Interessen der Regierung eintreten wird“. Denn Kommunist wäre er ja nicht gewesen, SPD-Mitglied auch nicht, nur beim sozialdemokratischen „Reichsbanner“ mal eineinhalb Jahre lang, aber er wäre „dort nie besonders hervorgetreten und hat auch nie die Uniform getragen“!

Diese Mischung aus kapitalistischem Gebaren – wer sind wir denn! – und Anbiederei an die „neue Macht“, Zuträgerschaft („der war beim Reichsbanner!“) und vorsorglicher „Landschaftspflege“ läßt einen schütteln. Wer Zweifel hatte über die Rolle der Unternehmer im Nazisystem, lernt es hier.

Was aus Saile und Wenckebach wurde? Olaf Saile kam frei. Es heißt, ein Gefälligkeitsartikel seiner Verlobten Käthe Lambert nach deren KZ-Besuch hätte es bewirkt. Jedenfalls hatte man ihm – stellvertretend für die gesamte „Lügenpresse“, wie sie die Nazis nannten – „die Instrumente gezeigt“. Und vielen im KZ Oranienburg im „Vernehmungszimmer“ 16 nicht nur gezeigt.

Fritz Wenckebach führte seine „Rathenower Zeitung“ (RZ) nazitreu bis zur Übernahme durch die „Westhavelländische Tageszeitung“, die die Nazis schon vor 1933 propagandamäßig flankierte. Aber da war die „RZ“ längst finanziell am Schlingern, und Dr. Fritz Blume hatte die ganze Bude aufgekauft und führte das treu nationalsozialistische Blatt.

Im Krieg war Blume auch zu gebrauchen. Natürlich nicht als „Landser“. Nein, er wurde PK-Berichterstatter (PK ist die Abkürzung für Propaganda-Kompanie) auf dem Balkan und anderswo. Als Blume seinen Untergang 1945 kommen sah, türmte er nach Friesland. In Jever gab er das revanchistische Exilblatt „Havelzeitung“ heraus und lauerte ungeduldig, die Zeitung endlich wieder „an der alten Adresse, Berliner Straße 20“, zu führen. Ganz so wie gewünscht kam es jedoch nicht.

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Blume als PK mit dem Marionetten-Ministerpräsidenten von Kroatien und faschistischen Ustascha-Offizieren.