Meiercord und andere

Dieter Seeger

Braune Karrieren in Rathenow

Die Täter hatten auch in Rathenow Namen und Adressen.

Reichsbahnobersekretär Heinrich Meiercord war der zweite Mann im Rathenower Bahnhof. Seine Dienstwohnung befand sich in der oberen Etage des Gebäudes. Im Adressbuch von 1933 wird auch Heinrich der Jüngere, Mechaniker, genannt. Die Familie Meiercord stammte wahrscheinlich aus West- oder Süddeutschland, dort ist der Name häufig anzutreffen. Nehmen wir an, Heinrich der Ältere wurde als Beamter hierher versetzt. Er muß zu Beginn der 1880er Jahre geboren sein, also in der Kaiserzeit herangewachsen. Sicher war er kaisertreu und deutsch-national, der Uniformträger. Die Weimarer Republik – die „Systemzeit“ – ging mit harten politischen und sozialen Auseinandersetzungen ihrem Ende entgegen, der braune Mob geherrschte schon die Straßen. Beide Meiercords hatten längst auf den „starken Mann“ gesetzt, waren Mitglieder der Nazipartei. Der Jüngere war SA-Sturmbannadjutant. So bejubelten sie die „Machtergreifung“, als Hitler nach massiven Forderungen der Bank- und Industriebosse von Hindenburg am 30. Januar 1933 zum Reichskanzler ernannt wurde.

Heinrich d. J. konnte nun seinen Haß gegen die Nazifeinde ausleben. Er gehörte zu den 37 Angehörigen der SA, der SS und des „Stahlhelm“, die der Erlaß des preußischen Innenministers Göring zur Rathenower Hilfspolizei ernannte. Sie brachten die Gendarmerie auf Trab und stürmten nach dem Signal des brennenden Reichstages voran bei der Verhaftung der Kommunisten. Die 14 Funktionäre standen befehlsgemäß auf ihrer schwarzen Liste, sie wurden in das Polizeigefängnis auf dem Hof der Berliner Straße 1 gesperrt, „verhört“, geschlagen und gedemütigt. Bis zum Sommer tobten sich die Nazischläger an ihnen aus.

Aber da gab es noch ein Feind-Symbol: den jüdischen Prediger und Kantor Max Abraham. Der hatte schon mehrfach Überfälle der Braunhemden erleiden müssen. 1930 überfiel und misshandelte ihn der SA-Sturmführer Jackzentis, „ein berüchtigter Tagedieb und Rohling“, wie ihn Abraham bezeichnete, aus der Ruppiner Straße. Max Abraham hatte ihn angezeigt, und Jackzentis wurde wegen gefährlicher Körperverletzung zu drei Monaten und wegen anderer Delikte zu weiteren fünf Monaten Gefängnis verurteilt. Auf Grund der Empörung in der Rathenower Bevölkerung schlossen ihn die Nazis formell aus der NSDAP aus. Aber sie vergaßen Max Abraham diese Niederlage nie. Jetzt schlug die Stunde der Rache. Jackzentis schob man zwar, erneut zum Sturmführer ernannt, aus Rathenow ab, aber seine Gesinnungsgenossen blieben.

Abraham war den Hitlerfaschisten gefährlich, denn er hatte sich während des anwachsenden Antisemitismus in Deutschland der SPD angeschlossen und versuchte, „in Gemeinschaft mit Vertretern anderer Konfessionen der Judenfeindlichkeit einen Damm entgegenzusetzen“ – so Abraham in seinem Buch. Der Rathenower katholische Pfarrer Wilhelm Knobloch hatte sich mit ihm zu einer „Arbeitsgemeinschaft für konfessionellen Frieden und Eintracht“ zusammengeschlossen und wiederholt gemeinsame Vorträge gehalten. Im Dezember 1932 gingen sie als Diskussionsredner mutig in die Versammlung des reaktionären Tannenbergbundes, Kampfgruppe Rathenow. Deren Vorsitzender war Adolf Harders, Eisenbahnbetriebs-leiter des Kleinbahnhofes. Abraham und Knobloch traten energisch gegen einen Sprecher des Bundes auf, der die jüdische und die katholische Religion wüst verunglimpfte. Heinrich Meiercord wartete nur auf eine Gelegenheit, und die bot sich am Abend des 26. Juni 1933, als er mit seiner Freundin auf dem dunklen Askanierdamm (jetzt Am Körgraben) bummelte und dem vom Bahnhof kommenden Abraham auf dem Weg zu dessen Wohnung in der Großen Milower Straße 71 begegnete. Der 23-jährige SA-Führer schlug den jüdischen Kantor vor den Augen seiner Freundin zusammen, und als der auf der Polizeiwache Hilfe suchte, kam er vom Regen in die Traufe. Die dort versammelte Hilfspolizei misshandelte ihn, der einen SA-Mann angegriffen habe, bis in die Morgenstunden. Dann war für die Schläger Alarm, die zweite Verhaftungswelle lief an. Hand in Hand mit der Gendarmerie und der politischen Polizei, Kriminalsekretär Karl Amelungen aus der Havelberger Straße 8, wurden die Listen der politischen Gegner „abgearbeitet“. Alle 70 Verhafteten wurden in die Turnhalle Schleusenstraße gepfercht. Die Prügelorgien vollzog man im Toilettentrakt. Am Abend des 27. Juni wurden die Verhafteten auf zwei offenen Lastwagen quer durch die Stadt Richtung KZ Oranienburg gefahren. Zur Abschreckung für alle, die zusahen.

Mit diesen „Verdiensten“ stand der Karriere Meiercords nichts mehr im Wege. Höchstens der jüdisch klingende Name. Aber da war Abhilfe in Sicht. Ein Jahr später, am 4. Juli 1934, meldete die „Westhavelländische Tageszeitung“: „Arier können Judennamen ablegen – Runderlaß des Preußischen Ministers des Innern“. „Anträgen von Personen arischer Abstammung wird stattgegeben“, hieß es. In der Folge ließ sich Heinrich d. J. das „c“ wegoperieren und hieß nun Meierkord. Da konnte er Sturmbannführer werden (Sturmbann III/224). Auch der berufliche Aufstieg war gesichert, denn vier Jahre später war er Bertriebsingenieur in der Emil Busch AG. Deren „Betriebsführung“ bestand nun fast ausschließlich aus NSDAP-Mitgliedern, und der 27-jährige Meierkord war ja „Alter Kämpfer“ mit Goldenem Parteiabzeichen! Er gehörte zur Chefetage, verantwortlich für Personalfragen. Und in der Stadt Rathenow war er kurze Zeit später Ratsherr und agierte als Vertreter der HJ im Schulbeirat.

An ihn geriet 1941 der katholische Pfarrer August Froehlich, als er sich über die Misshandlungen polnischer, katholischer Zwangsarbeiterinnen im Rüstungsbetrieb Busch beschwerte. Als Vertreter seiner Glaubensschwestern sprach er persönlich vor und saß dem Personalreferenten Heinrich Meierkord gegenüber. Der schwärzte ihn umgehend bei der Gestapo an, und Froehlich wurde verhaftet. Die Anklageschrift ließ Froehlich auf eine offensive Auseinandersetzung vor Gericht um seine religiösen und seelsorgerischen Grundsätze hoffen, aber es kam zu keiner Verhandlung. Er wurde ins KZ Buchenwald geschleppt, dann nach Ravensbrück und schließlich ins KZ Dachau. Als er am 22. Juni 1942 im Krankenbau des KZ starb, war er von den Misshandlungen so entstellt, dass ihn seine Angehörigen nur an einer Kriegsverletzung im Gesicht erkannten.

Das ist die Blutspur des Heinrich Meierkord. Dieser Verbrecher ist 1942 knapp über 30 Jahre alt. Sein Bild in der Werkzeitung „Unter der Busch-Sonne“ zeigt ein gepflegtes, energisches Gesicht mit leicht vorgeschobenem Kinn, am Revers den goldenen „Bonbon“ und ein Ordensschleifchen – äußerlich des Spießers idealer Schwiegersohn. Seine Aufopferung für den Hitlerstaat übrigens scheint nicht so groß gewesen zu sein, denn er eilt nicht bei Kriegsbeginn zu den Fahnen. Erst 1942 meldet die Werkzeitung seine „Einberufung zur Wehrmacht“. Dann verliert sich seine Spur im großen Völkermorden.

Vater Meiercords Karriere vom kaisertreu-deutschnationalen Konservativen zum Nazi begann schon 1926, als er sich der im März gegründeten NSDAP-Ortsgruppe Rathenow anschloß. Er besetzte als „Alter Kämpfer“ reihenweise Positionen. 1937 war er unbesoldeter Beigeordneter der Stadt. Er hatte den Vorsitz in zwei Beiräten, dem für Bau-, Friedhofs- und Badewesen und den des Schlachthofbeirates, war Stellvertreter im Fürsorge- und im Krankenhausbeirat. Als dreifacher Dezernent stand er der Allgemeinen, der Grundstücks- und Friedhofsverwaltung sowie der Stadtbücherei und der Schlachthofverwaltung vor. Bei näherem Hinsehen wird seine Schlüsselstellung bei Immobilien und im Bauwesen deutlich, also eine Machtposition! Und die Verquickung von Beirats- und Verwaltungsfunktionen spricht auch für sich: Hier „kontrollieret“ die Macht sich selbst! Überall mischte Meiercord mit, sogar in der Kirche. Er wurde einer der zwölf Kirchenältesten der St. Marien-Andreas-Kirche. Wer außer dem Oberbürgermeister Dr. Räth hatte in Rathenow mehr Macht und Einfluß?

Was den strammen „Deutschen Christen“ Heinrich Meiercord d. Ä. betrifft, wäre dessen Position und Konstellation in der Kirche interessant. Superintendent Georg Heimerdinger war Oberhaupt der Kirchengemeinden im Rathenower Bereich. Er dachte deutsch-national, „aber stets als Diener seines Herrn und nicht des Staates. Das brachte ihm eine monatelange Amtsenthebung ein, er stellte sich nicht auf die Seite der ‚Deutschen Christen‘ unter Reichsbischof Müller. In der St. Marien-Andreas-Kirche wurde dank Heimerdinger nie die Nazifahne aufgezogen, obwohl gefordert“, heißt es im Kommentar zu Heimerdingers Tagebuch vom Verein „Memento e. V.“ Wie kam so ein Mann mit den Nazis „in seinem Pelz“ zurecht? Machte er schließlich gute Miene zum bösen Spiel, wie der Bericht über eine Heimerdinger-Rede in der „Westhavelländischen Tageszeitung“ 1934 schließen ließe? Fügte er sich in das Muster des Evangelischen Bischofstages im September 1934 in Berlin, der die Amtseinführung Müllers als Reichsbischof beantragte: „Wir können als Kirchenführer nicht … vor Gott hintreten, der dem Führer ein solches Werk der Einigung gelingen ließ …“? Müller wurde auf dem Nürnberger Reichsparteitag 1934 von Hitler begrüßt, an seinem Talar das Eiserne Kreuz und andere Orden. Im Kreis Rathenow-Westhavelland hatten die „Deutschen Christen“ schon Ende März 1933 den Premnitzer Pfarrer Rehse, ein NSDAP-Mitglied, zu ihrem Oberhaupt bestimmt. Wir werden über Heimerdingers Nöte kaum noch etwas erfahren.

Auch die Spur von Heinrich Meiercord d. Ä., dem Leiter der NSDAP-Ortsgruppe „Bismarck“, verliert sich am Ende des Krieges. War er schon pensioniert? Bei den Kämpfen um den Bahnhof am 25. April 1945 war er keinesfalls mehr im Gebäude. Da kämpften und starben 16- bis 17-Jährige der HJ – als Soldaten oder Volkssturmleute. Im Sterberegister der evangelischen Kirche ist Meiercord bis zum Sommer des Jahres nicht verzeichnet. War er wie die meisten Nazi-Würdenträger in Richtung Elbe abgehauen, um sich der befürchteten Rechenschaft für sein Tun durch die sowjetische Besatzungsmacht zu entziehen? Wir wissen es nicht. Aber aus der unheilvollen Biographie der Meiercord/Meierkord sollten wir angesichts der Aktivitäten von Neonazis die nötigen Erkenntnisse ziehen.

2026: Frau Dr. Froehlich, Großnichte des Pfarrers August Froehlich, informierte mich über ihre Recherchen. Danach war Heinrich Meierkord d. Ä. am ersten Tag der Kämpfe um Rathenow, am 26. April 1945, durch Artilleriebeschuß im Rathenower Bahnhofsgebäude gestorben. Denkbar wäre, daß er Führer/Mitglied des Volkssturms war. Dann starb der Verführer mit seinen Verführten.

Im Landesarchiv Nordrheinwestfalen fand Frau Dr. Froehlich Unterlagen zur Entnazifizierung (!) des Heinrich Meierkord d. J., geb. am 5.11.1912. Die Fragebogensignatur lautet DR (dr?)/24305, Vermerk 581. Demnach hat er den Krieg überlebt und wurde für seine Verbrechen nicht belangt. Wundert sich jemand?