Frühe Nazi-Aktivitäten in Rathenow nach dem 1. Weltkrieg

Dieter Seeger

Nach der verheerenden Niederlage des deutschen Kaiserreiches im 1. Weltkrieg und dem Ende der Monarchie durch die Novemberrevolution 1918 waren all die Kaisertreuen, die Erzkonservativen und die Nationalisten voller Empörung über den „Schandfrieden von Versailles“. Ihre Wut richtete sich gegen die Demokratie der Weimarer Republik und ihre Repräsentanten. Der Kapp-Putsch 1920 wie die Morde an Erzberger 1921 und Rathenau 1922 waren die aggressivsten Angriffe.

Die Ruhrbesetzung 1921, zunächst Duisburg, Düsseldorf und Ruhrort, und am 11. Januar 1923 der Einmarsch französischer und belgischer Truppen ins Ruhrgebiet sollten die ungeheuren Reparationskosten eintreiben. Reichskanzler Wilhelm Cuno und sein „Kabinett der Wirtschaft“ riefen zum passiven Widerstand auf. Die Gewerkschaften organisierten den Generalstreik gegen die gekürzten Löhne. Eine nationalistische Welle in Deutschland und auch in Rathenow war die Folge. Und nicht nur die Großbourgeoisie rief nach „Gegengewalt“, auch die Kleinbürger, die Spießer in Mittelschicht und Stehkragenproletariat, brüllten auf. Freikorps begannen den bewaffneten Kampf. Sabotageakte und Anschläge gegen die Besatzungstruppen häuften sich. Schärfste Hetzer waren die Deutschnationalen der DNVP und ihre rechten Gesinnungsbrüder in den verschiedenen Wehr- und Schießvereinen. Die Sozialdemokraten als Verantwortliche für „Weimar“ wurden zur Zielscheibe, und die Kommunisten – „Moskowiter“ – sowieso. Die Antwort der Militärbehörden waren „Sühnemaßnahmen“ und Todesurteile. Am Ende waren 137 Menschen tot.

In der Magistratssitzung am 20. Januar 1923 bat Oberbürgermeister Lindner angesichts der gefährlichen Unruhe in der Rathenower Bevölkerung, „das Parteiengezänk zu unterlassen“. Alle Deutschen müssten jetzt fest zusammenstehen. Man wolle über Hilfe für das besetzte Gebiet sprechen. Und das tat man dann.

Eine Woche später, am 30. Januar, malten die nächtlichen Einsatztrupps erstmals Hakenkreuze an die Rathenower Häusermauern. Dem Menetekel folgte genau zehn Jahre später der Staat gewordene braune Terror. Die Besetzung des Ruhrgebietes endete 1924. Aber die Nazis hatten mit dem toten Führer eines ihrer Terrortrupps, Leo Schlageter, ihren „Märtyrer der Bewegung“.