Die Rathenower Parteien zwischen Kaiserreich und Hitler-Diktatur
Eine Schilderung der politischen Kämpfe 1918-1933
Die Parteienlandschaft in Rathenow wies zu Beginn der Weimarer Republik die gesamte Palette der Arbeiter- und der bürgerlichen Parteien auf. Sie spielten in den Kämpfen um eine demokratische Entwicklung Deutschlands sehr unterschiedliche Rollen. So wie die revolutionären Arbeiter organisierten sich auch die Monarchisten, und die Parteien des Klein- und Großbürgertums suchten ebenfalls die Politik zu ihren Gunsten zu bestimmen. Schließlich traten die chauvinistischen Großdeutschen hervor. Sie verbündeten sich mit den äußersten Rechten, die offen eine Diktatur anstrebten.
Im Folgenden beschränke ich mich auf die Arbeiterparteien und ihre Rolle in der Rathenower Arbeiterbewegung.
Die Sozialdemokratische Partei hatte den revolutionären Weg verlassen. Ihr Opportunismus zeigte sich in der „Burgfriedenspolitik“ zu Beginn des 1. Weltkrieges. Abspaltungen der revolutionären Kräfte wie die Unabhängige Sozialdemokratische Partei, daraus die Spartakusgruppe/der Spartakusbund und schließlich die Kommunistische Partei Deutschlands waren die Folge. In der Phase der relativen Stabilisierung des kapitalistischen Systems konnte die gespaltene Arbeiterklasse den Bestrebungen der äußersten Rechten keinen wirksamen Widerstand entgegensetzen. Weiteren Linksgruppierungen bildeten sich heraus: Der Leninbund und die SAP. Das Finanz- und Industriekapital sah die Zeit für eine autoritäre Herrschaftsform gekommen. Ihre Vertreter veranlassten den reaktionären Reichspräsidenten Hindenburg, der faschistischen NSDAP die Regierungsmacht zu übertragen. Das Unheil für Europa und die Welt nahm seinen Lauf.
Die einzelnen Teile entstanden als eigenständige Beiträge. Sie überschneiden sich sachlich und zeitlich. Damit erklären sich die Wiederholungen.
Die Sozialdemokratische Partei Deutschlands und die Kommunistische Partei Deutschlands
Um die Rolle der beiden Arbeiterparteien und ihre Bedeutung in den politischen Kämpfen der Weimarer Republik und gegen den heraufziehenden Faschismus zu verstehen, muß man zunächst die Vorgeschichte und die realen Vorgänge der Spaltung betrachten. Das gelingt am besten mit der Schilderung des Verlaufs der Novemberrevolution 1918/19 und der Folgen
Die Novemberrevolution 1918/19 – Aus der Geschichte der Rathenower Arbeiterbewegung
Der sozialdemokratische Wahlverein – in Rathenow 1889, also während der Zeit des Sozialistengesetzes (1878-90), gebildet – prägte durch große Aktivität der Mitglieder den Kampf für die Arbeiterinteressen. Am Beginn des Jahrhunderts stand die zahlenmäßig wachsende Sozialdemokratie der Stadt auf dem Boden der II. Inter-nationale und ihrer Beschlüsse von Stuttgart 1907. Jedoch bemächtigten sich (etwa ab 1907) zunehmend Partei-„Rechte“ der Führung. Direkten Anteil daran hatte Eduard Bernstein, der in Rathenow Schulungsabende mit SPD-Mitgliedern, vor allem aber mit Funktionären, abhielt. Er vertrat die Theorie vom friedlichen Hineinwachsen in den Sozialismus.
Diese Idee wurde durch die kapitalistischen Unternehmer der sich rasch entwickeln-den optische Industrie begünstigt. Die großen Profite von Emil Busch AG, Nitsche & Günther und der vielen anderen mittleren optischen Betriebe ermöglichte es ihnen, stärker als anderswo einzelnen Gruppen von Arbeitern besondere Begünstigungen zu gewähren (z. B. den „Goldarbeitern“ im Gegensatz zu den „Rotenburgern“), sie also zu korrumpieren. Das wirkte sich – wie beabsichtigt – zersetzend auf die einheit-liche Kraft der Arbeiterklasse aus. Revisionistische und opportunistische Auffassun-gen fanden ihre Anhänger, Klassenkampf schien ihnen überholt und überflüssig.
Die Anti-Kriegs-Beschlüsse der II. Internationale in Basel 1912 gingen 1914 im nationalistischen Taumel verloren. „Ich kenne keine Parteien mehr, ich kenne nur noch Deutsche“, verkündete Kaiser Wilhelm II., und die SPD-Reichstagsfraktion bewilligte die Kriegskredite. Die Rathenower Führung der SPD billigte diese Politik, obwohl sie wenige Tage vor Kriegsausbruch auf einer Kundgebung das Bekenntnis zu Basel beteuert hatte. Die klassenbewußten Arbeiter dachten jedoch anders. August Klopprogge suchte am 3. August 1914 den Vorsitzenden des Metallarbeiterverbandes in Rathenow, den SPD-Mann Karl Priefert, auf und stellte ihm die Frage: „Genosse Priefert, wird die Führung der Sozialdemokratie und der Gewerkschaften nun entsprechend den Beschlüsse von Stuttgart und Basel handeln?“ (Bei Kriegsausbruch war ein Generalstreik in allen beteiligten Ländern vereinbart.) Priefert entgegnete: „Ja willst du, dass wir von der russischen Dampfwalze überrollt werden?“ Natürlich organisierte die SPD keine Aktionen gegen den Krieg.
Nach Karl Liebknechts mutigem Auftritt im Reichstag (Ablehnung weiterer Kriegskredite am 2. Dezember 1914) stellten sich die Linken in der SPD an die Spitze des Kampfes gegen den Krieg und das zunehmende Elend der Arbeiterfamilien als dessen direkte Folge. Auch in Rathenow und durch Rathenower SPD-Genossen, die der Krieg in alle Winde zerstreut hatte, wurde der Kampf aufgenommen. Karl Gehrmann und August Klopprogge verbreiteten unter den Soldaten Flugschriften, die über den Charakter des Raubkrieges aufklärten. Arbeiterfrauen des sozialdemokratischen Ortsvereins sammelten Unterschriften gegen den imperialistischen Krieg
Unter dem Druck der wachsenden Massenbewegung gegen den Krieg und angesichts der durch den Parteivorstand der SPD betriebenen Ausschlüsse revolutionärer Mitglieder bildete sich die Unabhängige Sozialdemokratische Partei Deutschlands (USPD). Die Linken der am 1. Januar 1916 gegründeten „Internationalen Spartakusgruppe“ schlossen sich der USPD an. Auch in Rathenow trennte sich der revolutionäre SPD-Flügel von den Reformisten; Otto Weber, Karl Gehrmann, August Klopprogge und Friedrich Herrmann gründeten 1917 die Spartakusgruppe. Sie organisierten sogleich die Flugblattverteilung in Rathenow und Premnitz.

Karl Gehrmann war gleichzeitig Obmann der Spartakusgruppe im Zeppelin-Luftschiffhafen Staaken bei Berlin. Er gehörte zu den Organisatoren des Munitionsarbeiterstreiks im Januar 1918. Die Gruppe wollte auch die Arbeiter der Munitionsfabriken Premnitz und Gapel für den Streik gewinnen, aber die Flugblätter fielen in die Hände der kaiserlichen Polizei, und der Einfluß rechter Sozialdemokraten verhinderte in den Fabriken den Streik. Jedoch beteiligten sich im gesamten Reich 2,5 Millionen Arbeiter im Sommer am Streik der schlesischen und sächsischen Bergarbeiter, der Textil- und Hüttenarbeiter in Bayern und der Metallarbeiter im Ruhrgebiet gegen Krieg, Not und Elend, für einen sofortigen Frieden und den Sturz der Monarchie. Der Spartakusbund rief von seiner Reichskonferenz am 7. Oktober 1918 zum revolutionären Kampf auf. Die SPD-Führung lehnte die Revolution ab, die USPD-Führer betrieben eine unentschiedene Politik. Aber die Revolution war nicht aufzuhalten, sie begann am 3. November mit dem Aufstand der Matrosen von Kiel und erfasste am 9. November das ganze Reich.
In Rathenow nahmen die revolutionären Ereignisse mit einer Kundgebung auf dem Alten Turnplatz (am Friedrich-Ebert-Ring) ihren Anfang. Karl Priefert, der dem rechten Flügel der SPD angehörte, sprach. „Genossen, es ist heute wieder eine Lust zu leben. Das Kind, das heute geboren wird, trägt rote Haare.“ Diese „Pointe“ zitierte der Mitbegründer und 1. Vorsitzende des Ortkartells der Rathenower Reichs-, Staats- und Kommunalbeamten (gegründet am 18.1.1919) 10 Jahre später in der „Rathenower Zeitung“ vom 4.1.1929. Nach seinen Worten wäre damit „Klarheit über das geschaffen, was im Freistaat Rathenow werden sollte. Die Sozialdemokratie war innerhalb dieses Gebietes der Machtfaktor geworden. Und deren Verfassungsurkunde war für’s erste das Erfurter Programm.“ Wenn’s das man gewesen wäre!
Fakt war, dass am 11. und 12. November 1918 in Rathenow ein Arbeiter- und Soldatenrat gebildet wurde. Initiatoren waren Karl Gehrmann und Otto Weber seitens Spartakus, hauptsächlich aber waren in ihm SPD-Funktionäre vertreten. Sie nahmen das Offizierskasino (Bahnhofstraße Ecke Dunckerstraße-Berliner Str.) als Sitz und Standort in Beschlag und hissten die rote Fahne. Franz Laege berichtet: „Bei Ausbruch der Revolution befand ich mich für einige Tage in Urlaub. Am 10.11. wurde ich als Vertreter der Urlauber durch den Genossen Möhring in den Arbeiter- und Soldatenrat berufen und einige Tage später von den anderen Urlaubern bestätigt. Meine Wahrnehmungen am Ort bezüglich des Verhaltens der Reaktion waren so, dass man sagen konnte, die Herrschaften hatten sich in die Mauselöcher verkrochen.“
Der Arbeiter- und Soldatenrat wurde gebildet aus Funktionären der Arbeiterbewegung, die zum größten Teil der SPD angehörten, nur ein kleiner Teil gehörte der Spartakusbewegung an. Um für Ruhe und Ordnung zu sorgen, wurden ca. 40 Mann aus den Reihen der Arbeiterschaft ausge-wählt, die für die Bewachung, ins-besondere der Waffen, eingesetzt wurden.
„An und für sich hatte die Reaktion nicht gewagt, irgendwie hervorzutreten. Beim Rückzug der Truppen aus dem Felde ist mir folgendes in Erinnerung: Es war in der zweiten Novemberhälfte, als eines Tages ein Trupp von ca. 30 Mann (ehemalige Zietenhusaren) und einigen Offizieren das Offizierskasino stürmen wollten. Ihre Absicht bestand darin, die rote Fahne von unserer Tagungsstätte herunterzuholen und uns aus dem Hause zu verjagen. Der noch amtierende Oberbürgermeister Lindner versuchte, mit einem Blumenstrauß bewaffnet die Truppe zu begrüßen. Die Truppe setzte vor dem Kasino ab und drohte in das Haus einzudringen. Der Genosse (Ludwig, D. S.) Hassenflug und meine Wenigkeit griffen sofort zum Karabiner, und durch gütiges Zureden einiger Genossen nahm die Truppe von der Erstürmung Abstand.
Zu den Aufgaben des Arbeiter- und Soldatenrates gehörte die Kontrolle des Staatsapparates, die Betreuung der zurückkehrenden Soldaten sowie die Versorgung der Bevölkerung mit lebensnotwendigen Gütern.“
Ernste Versäumnisse und Fehler der Revolutionäre werden deutlich: Der Staatsapparat blieb unbehelligt; man wollte lediglich kontrollieren. Die Führungsstruktur in der Kaserne Bahnhofstraße blieb unangetastet, man ließ die Offiziere gewähren. Von der Entmachtung der Herrschenden – also der Rathenower Industriellen und der Großagrarier auf dem Lande – war gar nicht zu reden. Das Fehlen einer kampfstarken revolutionären Partei war unübersehbar, denn die SPD war nicht bereit dazu. Friedrich Eberts „Ich hasse die Revolution wie die Pest“ ist überliefert.

Die Arbeiter- und Soldatenräte konnten ihre Rolle als potentielle Machtorgane des revolutionären Volkes nicht wahrnehmen. Der o. g. Einfluß opportunistischer SPD-Führer führte dazu, dass die anfängliche Aktionseinheit unterlaufen und die öffentliche Gewalt aus den Händen gegeben wurde. Der Reichsrätekongreß bildete zwar am 20. Dezember 1918 noch einen „Zentralrat der Sozialistischen Republik Deutschland“, übertrug jedoch die künftige Macht an die am 19. Januar 1919 zu wählende Nationalversammlung – und entmachtete sich damit selbst. Die Arbeiter- und Soldatenräte spielten keine Rolle mehr und lösten sich im November 1919 auf.
Der überwiegende Teil der Bevölkerung wie der Soldaten war gegen eine Fortführung des imperialistischen Krieges. In Rathenow erklärten sich die Mannschaften der Minenwerferkompanie mit den Arbeitern solidarisch. Die Soldaten dieser Einheit brachten damit ihre Bereitschaft zum Ausdruck, die Revolution zu unterstützen. Die Spartakisten waren im Arbeiter- und Soldatenrat ihre wahren Vertreter. Aber dort wurde der Einfluß der Reformisten immer stärker. Der Kampf um die Ziele der Revolution drohte zu versanden

Darum verlangten Karl Gehrmann und andere auf einer Sitzung des im Stadtverordnetensaal (Berliner Str. 1) tagenden Arbeiter- und Soldatenrates die Bewaffnung der Arbeiter. Karl Priefert lehnte diese Forderung ab mit der Begründung, das sei nicht notwendig. Sein Gleichnis des Kindes mit roten Haaren hatte er offenbar längst vergessen; er stellte sich auf die Seite der restaurativen Kräfte, also der Reaktion. Priefert verkörperte die opportunistische Linie, die in der insgesamt über 1.000 Mitglieder umfassenden SPD der Stadt die Mehrheit darstellte. Die Linke war genötigt, sich organisatorisch von der SPD abzunabeln. Spartakus rief zur Gründung der Kommunistischen Partei.
Zum Gründungsparteitag der KPD in Berlin (30.12.1918 bis 1. Januar 1919) entsandte die Rathenower Spartakusgruppe Richard Manke, Karl Gehrmann und Friedrich Huxdorf. Am 9. Januar 1919 wurde von Karl Gehrmann, Otto Weber, F. Huxdorf, R. Manke und anderen die örtliche Kommunistische Partei Deutschlands gegründet. Die überwiegende Mehrheit der USPD-Mitglieder ging den Schritt in die KP. Ein kleiner Teil kehrte später in die SPD zurück.
Die Sozialdemokratische Partei hatte sich vom Spartakusbund und den Kommunisten scharf distanziert. Das wollte sie deutlich machen und veranstaltete am 12. Januar eine Kundgebung. Es sprach der SPD-Genosse Peus. Er trat gegen die Politik der Spartakisten auf, also gegen die revolutionären Kräfte der Arbeiterklasse in Rathenow. Die Ortsgruppe der KPD entfaltete dagegen eine rege Aufklärungs-arbeit unter der Bevölkerung der Stadt und des Kreisgebietes. Die Mitgliederzahl der KPD ist nicht bekannt; 1931 gehörten ihr in Rathenow etwa 80 Mitglieder an.

Über die weiteren revolutionären Ereignisse und Kämpfe berichtet Franz Laege: „An einem Sonnabend im Frühjahr 1919 kam es zu einem Zusammenstoß zwischen Soldaten der Reichswehr und den ‚roten‘ Matrosen vor dem Waldschloß (damals noch Restauration „Zur Erholung“; D. S.). Ein Matrose wurde hierbei erschossen. Acht Mann der Reichswehr versuchten nun in das Waldschloß einzudringen, um eine Veranstaltung der Bevölkerung zu stören. Die Soldaten wurden aufgefordert, ihre Waffen abzulegen, dann stehe einem Eintritt nichts im Wege. Ungeachtet dieser Aufforderung drangen die Soldaten bewaffnet in den Saal ein. Sofort wurden sie von den Anwesenden vertrieben und bis zum damaligen ‚Cafe Rheingold‘ (an der Ecke Bahnhofstraße; D. S.) zurück gejagt. Nach einer Stunde erschienen dieselben Soldaten mit scharfer Munition und schossen in den Saal. Hierbei wurde der Genosse (Friedrich; D. S.) Kapphammel durch einen Schuß in die Lunge verwundet. Die Veranstaltung flog an diesem Abend auf. Am nächsten Tag, Sonntag, wurden sämtliche Soldaten und Offiziere, soweit sie sich auf den Straßen sehen ließen, von der Zivilbevölkerung entwaffnet. Die Soldaten und Offiziere erhielten daraufhin sechs Wochen Ausgehverbot.“
Die Schilderung zeigt die Brisanz der ersten Revolutionsmonate. Es gab keine gefestigten Machtstrukturen. Der Arbeiter- und Soldatenrat agierte mit Forderungen, Appellen und Überzeugungsarbeit auf Versammlungen und Kundgebungen, die SPD verhielt sich abwartend, die Reaktion wagte sich langsam vor. Im April 1919 fanden Wahlen zum Arbeiterrat statt (der den A+S-Rat ablöste), auch er verfolgte keine konsequent revolutionäre Linie. Das wird klar, betrachtet man die gewählten Mitglieder aus der opportunistischen SPD und sogar des Beamtenkartells.
Die Beurteilung und Haltung zur Revolution seitens der bürgerlichen und monarchistischen Kräfte der Stadt werden deutlich, wenn man spätere Auslassungen des schon erwähnten Vorsitzenden des Beamtenbundes, Engel, liest. Er schrieb in der „Rathenower Zeitung“ vom 4.1. und 5.1.1929 im Rückblick „10 Jahre Rathenower Beamtenschaft“: „Die Optikstadt lebte nach dem 6. November 1918 als Land und Stadt für sich. Zug- und Telefonverkehr waren unterbrochen, Zeitungen blieben aus. Wir waren von der Außenwelt wie abgeschnitten und stillten unser Verlangen nach Gewissheit über das, was ist oder wird, durch gegenseitige Mitteilungen. … Wunschgedanken, die Erscheinungen des Massenwahns in schweren Zeiten, kursierten als Parolen vom Bahnhofsviertel bis zum Haveltor. Schließlich stand die Stadt unter dem Schutz des Arbeiter- und Soldatenrates, der für die Nacht Soldaten durch die Stadt patrouillieren ließ. Mit aufgepflanztem Seitengewehr. Und auf dem Offizierskasino wehte die rote Fahne. Herr Geheimrat: Was war das überhaupt für eine Institution, der Arbeiter- und Soldatenrat? Woher nahm er sein Recht?“
Engel beklagt in diesem Artikel, dass den Beamten der Dienstherr abhanden gekommen war. Auf den Kaiser vereidigt, verstand er nach dessen Sturz die Welt nicht. Wem waren sie denn nun verpflichtet? Der neuen Macht, die noch nicht einmal klar definierbar war – dann würden sie doch ihren Eid brechen. Versagten sie sich aber einer neuen Staatsmacht, wäre das auch wieder Untreue! So riefen er, Ilse Seyda und der Lehrer Wilhelm Wepner zur Versammlung aller Beamten, die aber zunächst scheiterte. Offenbar hatte jeder Angst um seine Existenz, wenn er sich zu früh festlegte. Aber da kamen ihnen schon am 10. November 1918 die „sozialistischen Volksbeauftragten“ in Berlin mit ihren Erlaß über die Sicherstellung der Beamtenrechte zu Hilfe. (Der Erlaß war von Wilhelm Flügel, in Göttlin geboren, entworfen worden; Flügel war später der Vorsitzende des Beamtenbundes in Deutschland.) Also wurde am 18. Januar 1919 das Ortskartell der Rathenower Reichs-, Staats- und Kommunalbeamten gegründet. Es waren etwa 1.000 Mitglieder einschließlich der Angestellten und Arbeiter aus den Dienststellen.

Nach der Niederlage der Revolutionäre bei den Januarkämpfen 1919 in Berlin ging die Reaktion Anfang 1920 zum Angriff über. Kapp und General Lüttwitz inszenierten ihren Putsch als Versuch zur Errichtung einer Militärdiktatur. Er begann am 13. März 1920 und wurde durch den Generalstreik und die bewaffnete Abwehr der einig handelnden Arbeiter am 17. März beendet. Die Anführer flohen ins Ausland. Über die Ereignisse in Rathenow berichtete Gustav Meier:
„Am Vorabend des Kapp-Putsches fuhr ich zur Hochzeit meines ältesten Sohnes nach einem Dorf in der Nähe von Stendal. Der Berliner Morgenzug läuft ein und ihm entsteigt der inzwischen zum Stadtrat beförderte Genosse Karl Priefert. Er fragt mich: ‚Wo willst du hin?‘ Meine Antwort lautet: ‚Ich fahre nach Stendal.‘ Darauf antwortet der Genosse Priefert: ‚Bleib zu Hause, du kommst nicht wieder zurück.‘ Wir fuhren dennoch zur Hochzeit. Am Abend beim Tanz ertönt plötzlich in der Saaltür der Ruf: ‚Es geht kein Zug mehr!‘ Nun hieß es für die Rückfahrt zu rüsten, und nach eineinhalbstündigem Fußmarsch erreichten wir Stendal. Auf dem Wege zum Bahnhof, inmitten der Stadt, wurden schon Maschinengewehre, Gewehre, Hand-granaten und Munition an die Arbeiter ausgegeben. Am Bahnhof angekommen, erfuhren wir zunächst, dass der Verkehr eingestellt ist. […] Als wir in Rathenow ankamen, waren mehrere Genossen am Bahnhof, welche uns sofort zum Volksgarten (dem späteren Sportpalast; D. S.) schickten. Der Garten des Lokals war bereits bis auf den letzten Platz besetzt. Während der Versammlung wurde beschlossen, eine Delegation zur Kaserne zu schicken, um mit den Offizieren zu verhandeln. Nach längerem Hin und Her wurde uns die vorläufige Neutralität der in Rathenow stationierten Truppenteile zugesagt. Es kam dann auch während des Kapp-Putsches zu keinen bewaffneten Auseinandersetzungen in Rathenow.“ Hervorzuheben ist, dass es während des Putsches in Rathenow teilweise zu engen Verbindungen zwischen Angehörigen der Reichswehr und Arbeitern kam.
Hier ist ein interessantes Detail einzufügen: Eine der wichtigsten konterrevolutionären Einheiten unter Kapp/Lüttwitz war die Marinebrigade Ehrhardt. Kapitän Ehrhardt hatte seine Freischärler auf den brandenburgischen Gütern in Berlin-Nähe als „Landarbeiter“ untergebracht. Hier fanden Ausbildung und Vorbereitung auf den Militärputsch statt. Es deutet einiges darauf hin, dass einer der Stützpunkte das Gut Kleßen war. Das wäre zu erforschen, denn in der Folge kommt Ehrhardt weiter mit Gut Kleßen in Verbindung. Im „Rathenower Heimatkalender 2010“ wird Ehrhardt als Käufer des Gutes benannt, das er offensichtlich von Graf von Bredow erworben hat. Von Bredow war 1929 NSDAP-Kreisleiter anstelle von Fritz Krause geworden, der als erster Nazi-Abgeordneter in den Westhavelländischen Kreistag gewählt wurde.
Die „Westhavelländische Tageszeitung“ vom 28. Juni 1933 meldete: „Kapitän Ehrhardt bekennt sich zur NSDAP“, das habe er der SS-Reichsführung mitgeteilt. Er wäre „persönlich in die NSDAP eingetreten“ und „hat sich mit seinem Wehrverband Brigade Ehrhardt dem Reichsführer SS unterstellt“.
Eine folgerichtige Entwicklung der Demokratiefeinde, die sich mit ihrem Kampflied „Hakenkreuz am Stahlhelm, schwarz-weiß-rotes Band – die Brigade Ehrhardt werden wir genannt […] “ früh als Faschisten bekannt hatten.
Engel berichtet über das „Frühjahr 1920 zur Zeit der Spartakustreibereien“: „Man sprach von der Überleitung der Fabriken usw. in das Eigentum der Belegschaften und der Verwaltung der Unternehmen durch die Betriebsräte: Schulze & Bartels sowie Rapsch sollten enteignet worden sein.“ Am Sonnabend, dem 27.3.1920, wäre mittags 1 Uhr eine „Versammlung der Kommunisten und Spartakisten“ auf dem Stadthofplatz abgehalten worden. Nach Schluß der Kundgebung würde das Rathaus gestürmt und das gesamte Geld der Stadt beschlagnahmt, lauteten die wilden Gerüchte. Nun wurden Handgranaten und Maschinengewehre zum Schutz des Rathauses bereitgestellt. Zwecks Leerung der Stadtkasse zahlte man die Gehälter vorzeitig aus, damit den Spartakisten bloß nichts in die Hände fiele. Am Sonnabendnachmittag wurde Dienst für alle Beamten angesetzt. Eine Polizeistaffel brachte man heimlich bei einem Bürger am Stadthofplatz unter, damit sie alle Aktionen beobachten und eventuell einschreiten konnte.
Um 13 Uhr waren etwa 700 Menschen auf dem Stadthofplatz versammelt, meldeten die getarnten Polizisten zum Rathaus: Reden würden gehalten, lang und ausführlich, die Menge bleibe friedlich. Um 15 Uhr erreicht das Gerücht von 20.000 Menschen, die auf das Rathaus zu marschieren, die Verteidiger. Gefechtsbereitschaft wird hergestellt. Das Kommando führen ein Hofdruckereibesitzer (das ist Walter Babenzien; D. S.), ein Gerichtsassessor, ein Manufakturist und ein Direktor. Das schwere Maschinengewehr wird von einem Oberförster bedient, zwei Eimer Wasser zum Kühlen des Laufs stehen bereit. Das SMG ist auf die Schleusenbrücke gerichtet. Aber die erwarteten Rathausstürmer kommen nicht, denn die Leute gehen nach der Kundgebung nach Hause. Der Kampf ums Rathaus fällt aus.
Anmerkung zu Dr. Walter Babenzien:
Er wurde mit der „Westhavelländischen Tageszeitung“ (als Mitbesitzer) einer der frühen Unterstützer der Nazipartei. Sein Redakteur Gustav Bieck gehörte 1926 zu den Gründern der NSDAP in Rathenow. Rechtanwalt Babenzien wurde Leiter der Rechtsstelle der NSDAP-Kreisleitung.
Die revolutionären Kämpfe in Deutschland und anderen europäischen Staaten dauerten an, die junge Sowjetmacht in Russland musste sich in den Interventionskriegen ihrer Feinde erwehren. Während der Kämpfe der Roten Armee gegen Truppenteile der polnischen Armee vor Warschau 1920 wurden Teile der sowjetrussischen Armee auf deutsches Gebiet abgedrängt und interniert. Die Offiziere und Soldaten kamen in das Lager Havelberg. Die Genossen der KPD-Ortsgruppe sammelten unter der Bevölkerung Lebensmittel und Kleidungsstücke für die Internierten. Zwölf KPD-Genossen brachten die Spenden nach Havelberg und verteilten sie.

Auch die nach dem Sturz der Räte-Regierung in Ungarn 1919 nach Deutschland geflohenen Emigranten erhielten Unterstützung. Einige von ihnen kamen nach Rathenow und fanden durch die Hilfe der KPD-Ortsgruppe Arbeit. Die sozialdemokratische Reichsregierung wies sie jedoch aus, sie mussten in Sowjetrußland Zuflucht suchen. Dem Protest gegen die Verhaf-tung des Volkskommissars für Auswärtige An-gelegenheiten der ungarischen Räterepublik, Bela Kun, durch die deutschen Behörden schlossen sich die Rathenower Linken und sympathisierende Bürger an – die Reichsregierung musste ihn freilassen.
Nach der völkerrechtswidrigen Besetzung des Ruhrgebietes durch französische Truppen 1923 kam es zu solidarischer Hilfe der Rathenower Arbeiter. Auf Einladung der Genossen weilten im Frühjahr Kinder von Ruhr-Bergarbeitern vier bis sechs Wochen zur Erholung in der Stadt. Doch zur gleichen Zeit gab es in Rathenow alarmierende Zeichen: Die ersten Hakenkreuzschmierereien tauchten im öffentlichen Raum auf! Die schwarze Farbe, klagte Oberbürgermeister Lindner vor dem Magistrat am 20. Januar 1923, ließe sich schwer entfernen. Und: Man solle doch „das Parteiengezänk“ angesichts der Lage sein lassen, „alle Deutschen müssten doch jetzt zusammenstehen“! Lieber sollte man sich über Hilfe für das besetzte Gebiet verständigen. Hakenkreuze? Da drängt sich der Verdacht einer Verbindung zu Ehrhardt und Gut Kleßen geradezu auf!
1923 spitzten sich die gesellschaftlichen Widerprüche zu. Die Inflation verschärfte die Not der Werktätigen und besonders der Arbeitslosen. Elend und Hunger kennzeich-nete die Lage weiter Teile des Volkes. Der Widerstand gegen die Herrschenden wuchs. In Rathenow kam es zu Lohnkämpfen in der Emil Busch AG; einer der führenden Köpfe war dabei der optische Arbeiter Otto Seeger, SPD-Mitglied und Betriebsrat. Er wurde später gefeuert und auf die schwarze Liste gesetzt, so dass er bis in die Nazizeit in keinem optischen Betrieb mehr Arbeit fand – Konsequenz war eine Scheinselbständigkeit als Einrunder, als Zulieferer für die großen Firmen, in einem sogenannten Waschküchenbetrieb in der Brandenburger Str.4. (Mein Opa)
Die Rathenower Kommunisten organisierten 1923 eine Arbeitslosendemonstration. Die SPD-Führung lehnte jegliche Unterstützung für diese Protestaktion ab. Walter Gansow berichtet: „Diese Demonstration nahm ihren Anfang auf dem Marktplatz. Als der Demonstrationszug sich dem Apollo-Theater näherte, stürzte sich eine bewaffnete Gruppe von Reichswehrsoldaten auf uns mit dem Ziel, die demonstrierenden Arbeiter auseinanderzujagen. Ich selbst flüchtete in die Jägerstraße und wurde von einigen Reichswehrsoldaten verfolgt und mit Gummiknüppeln geschlagen. Der Führer dieser Bewaffneten war von Manteuffel, der dem Vorgehen gegen die Arbeiter mit einem höhnischen Grinsen zugesehen hat.“
Die Brutalität der Reichswehr machte auch vor dem schwerbeschädigten Max Behrend nicht halt. Er wurde im Vorraum des Apollo-Theaters (Standort in der Berliner Straße, etwa beim Kulturhaus; D. S.) niedergeschlagen. Nach dieser Erwerbslosendemonstration wurde über die Stadt Rathenow ein achttägiger Belagerungszustand verhängt.
Anm.: Hasso von Manteuffel war 1918 Rittmeister und Führer der 4. Eskadron im Husarenregiment 3 „von Zieten“ und im späteren Kavallerieregiment 17 der Reichswehr in Rathenow. Er spielte als Kommandeur der faschistischen Wehrmacht, zuletzt der 3. Panzerarmee, eine wichtige Rolle. In der Endphase des Krieges, im April 1945, floh der General mit 300.000 Mann (die Zahl ist zu bezweifeln!) in britische Gefangenschaft, „weil seine Truppe nicht in der Lage war, den Vormarsch der sowjetischen Armee nördlich Berlins zu verhindern“! 1959 wurde er in der BRD wegen Totschlags zu zwei Jahren Gefängnis verurteilt, da er verantwortlich war für die Hinrichtung eines kriegsmüden deutschen Soldaten im Jahre 1944. Er betätigte sich als Politiker der FDP und in rechten Parteien.
Der Leninbund/Linke Kommunisten
Im Jahre 2005 – ich hatte zum 60. Jahrestag der Befreiung vom Faschismus über die Ereignisse in Rathenow geschrieben – fragte mich jemand, ob ich denn wüsste, dass Otto Weber Reichstagsabgeordneter gewesen wäre. Natürlich kannte ich den Namen Otto Webers aus meiner Kindheit nach dem 2. Weltkrieg, mein Opa hatte ihn manchmal erwähnt. Weber arbeitete in der Stadtverwaltung, die von der sowjetischen Besatzungsmacht nach dem Ende der Kämpfe berufen wurde. Ich glaubte mich zu erinnern, dass er die antifaschistische Polizei geleitet habe. Das bestätigte sich nicht, er war – ein Hornarbeiter, der in der optischen Produktion Brillenfassungen fertigte! – Stadtrat für Volksbildung. Irgendwann wurde sein Name nicht mehr erwähnt, und das wunderte mich damals nicht, hatte doch Opa nicht gerade mit Hochachtung von ihm gesprochen. Opa war SPD, Weber KPD, beide waren (eine Zeitlang) in der SED. Aber Reichstagsabgeordneter?
Bei einem Besuch des Bundestages, zu dem Gesine Lötsch geladen hatte, konnten wir das gesamte Reichstagsgebäude besichtigen. Im Raum zur Ehrung der von den Nazis verfolgten, eingekerkerten und ermordeten Abgeordneten gibt es Ehrenbücher mit den Kurzbiographien der Mitglieder des Reichstages, und da fanden wir Otto Weber. Er gehörte dem Parlament 1928 für mehrere Monate an, war zuerst in der KPD-Fraktion, dann fraktionslos. Der Sache wollte ich auf den Grund gehen. Denn Otto Weber war Mitglied des Leninbundes/Linke Kommunisten.
Aus der Geschichte der Rathenower Arbeiterbewegung wusste ich, dass hier alle Strömungen vorhanden waren. In der Hochburg der SPD hatten sich in der Novemberrevolution 1918/19 die revolutionären Kräfte von der Sozialdemokratie gelöst, hatten wesentlich die Anfänge der Arbeiter- und Soldatenräte geprägt, hatten die Kämpfe unter Blutopfern durchgestanden und wendeten sich – enttäuscht vom Verrat der SPD-Führung – von der Partei ab. Otto Weber, Karl Gehrmann, August Klopprogge und Friedrich Hermann hatten schon 1917 die Rathenower Spartakusgruppe gegründet. Gehrmann und Weber bildeten mit anderen am 11./12. November 1918 den Rathenower Arbeiter- und Soldatenrat. Als Spartakus zur KPD-Gründung rief, waren Richard Manke, Karl Gehrmann und Friedrich Huxdorf in Berlin beim Parteitag, sie und Otto Weber gründeten am 9. Januar 1919 die Rathenower KPD.
Die revolutionären Kämpfe 1918 bis 1923 – die richtigen und falschen Entschei-dungen, die Siege und die bitteren Niederlagen – prägten die junge KPD. Und als sich der Kapitalismus in der Phase seiner relativen Stabilisierung nach 1923 befand, wurde um die Parteilinie zum Teil erbittert gerungen. 1925 kam es zur Bildung des Thälmannschen ZK, das das sowjetische Modell der KPdSU übernahm. Die Folge waren Abspaltungen.
Es bildete sich 1928 unter Hugo Urbahn der Leninbund, deren Mitglieder sich als Linke Kommunisten verstanden. (Folgerichtig wurden die anderen von den Rathenower Sozialdemokraten wie Paul Szillat gern als „Rechte Kommunisten“ tituliert.) Zunächst gehörte fast der gesamte Ortsverband den Linken Kommunisten an, doch das änderte sich im Laufe der Zeit. Karl Gehrmann und andere bekannten sich zum Thälmann-ZK. Otto Weber aber blieb im Leninbund, der reichsweit eigentlich nur in Dortmund, Neu-Ilsenburg, Brunsbüttelkoog, Bernau und Rathenow bedeutsam war. 1930 spaltete sich der „genuin trotzkistische Flügel um Anton Grylewicz ab und konstituierte sich als Linke Opposition der KPD“, wie zu lesen ist. Die KP-Opposition, von den anderen Kommunisten gern als KP-O = „KP-Null“ diffamiert, wurde von den ehemaligen KP-Vorsitzenden Brandler und Thalheimer geführt. Ihre Politik war gegen die Unterordnung der KPD unter die KPdSU und gegen die Gewerkschaftsspaltung durch die RGO (Revolutionäre Gewerkschaftsopposition) gerichtet. Die KP-O stand für den gemeinsamen Kampf von KPD und SPD gegen die Nazis. Weber jedoch war Vorsitzender des Leninbundes in Rathenow. Sein Werdegang und sein Schicksal machen den politischen Kampf des Leninbundes deutlich.
Otto Weber – Klassenkämpfer, Abgeordneter des Reichstages

Der einzige Rathenower Reichstagsabgeordnete während der Weimarer Republik (1919-1933) war ein Arbeiter: Otto Weber. Seine Lebensumstände – Armut und Ausbeutung – hatten zu einer unerschütterlichen sozialistischen, kommunistischen Überzeugung geführt. Warum wurde er dann in der DDR über die Jahrzehnte totgeschwiegen? Sehen wir uns sein bewegtes Leben an.
Am 17. Februar 1889 wird Otto Weber in einer Rathenower Arbeiterfamilie geboren. Der Volksschule folgt eine optische Lehre. Danach arbeitet er in Berlin und ab 1914 kurze Zeit in Paris. Schon 1906 schließt er sich der Gewerkschaft an, und 1907 wird er – 18-jährig – Mitglied der SPD.
In Paris erlebt er den Ausbruch des 1. Weltkrieges und wird als Angehöriger eines Feindstaates interniert. Wegen einer hartnäckigen Krankheit schiebt man ihn in die Schweiz ab, die ihn 1917 nach Deutschland „austauscht“.
Otto Weber arbeitet als Hornarbeiter in einem der vielen Rathenower optischen Betriebe, d. h. er fertigt Brillenfassungen aus Schildplatt. Der revolutionäre Heißsporn schließt sich dem Spartakusbund an, den die mit der Burgfriedenspolitik der SPD-Führung unzufriedenen Sozialdemokraten bilden. Hier trifft er auf Karl Gehrmann, mit dem er lange Zeit gemeinsam im politischen Kampf stehen wird. Mit dem Beginn der Novemberrevolution 1918 gehören beide zum Rathenower Arbeiter- und Soldatenrat, und 1919 gründen sie die örtliche KPD.
1924 wird Weber zum Stadtverordneten gewählt. Natürlich werden die Kommunisten von allen anderen Parteien angefeindet – von den konservativen sowieso, und von der sozialdemokratischen als „Spalter“ und „Radikalinskis“. Manches Redegefecht, von dem die damaligen Zeitungen berichten, soll sie in der Öffentlichkeit her-absetzen. Sie sollen ins gesellschaftliche Abseits gestellt werden. Man will sie als unglaubwürdig abstempeln. Aber das gelingt nicht, von Wahl zu Wahl gewinnen sie mehr Stimmen.
In der Kommunistischen Partei toben jedoch Richtungskämpfe. 1925 wird das „Thälmannsche ZK“ gebildet, das bedeutet die Ausrichtung der Partei nach Moskauer Muster. Fast die gesamte Ortsgruppe der Rathenower KPD gehört der linken Parteiopposition an. Aber Karl Gehrmann schwenkt schon bald zur ZK-Mehrheit (Thälmann) über, so leitet Otto Weber die linke Opposition.
Weber, der seit 1925 auch Mitglied des brandenburgischen Provinzialausschusses ist und ein Jahr zuvor erfolglos für den Reichstag kandidiert hatte, rückt im Januar 1928 für einen verstorbenen Abgeordneten ins höchste Parlament nach. In der KPD-Fraktion gehören vierzehn Mandatsträger zur Gruppe der linken Kommunisten. Sie gelten als „Abweichler“. Das KPD-Zentralkomitee ersucht deshalb Otto Weber, sein Mandat niederzulegen. Der folgt der Aufforderung nicht und wird im Februar 1928 aus der Partei ausgeschlossen. Den anderen der Gruppe, wie z. B. Ruth Fischer, ergeht es ebenso, wenn sie nicht schon selbst aus der Kommunistischen Partei ausgetreten sind.
Die Linken sind nun fraktionslos. Sie organisieren sich reichsweit im April 1928 im „Leninbund“. Otto Weber ist Mitbegründer und leitet in den folgenden Jahren die starke Gruppe dieses Bundes in Rathenow. Seine politische Tätigkeit wird von der Politischen Polizei mit Misstrauen beobachtet. Noch 1928 – der Reichstag wurde im Mai neu gewählt, Weber ist ausgeschieden – wird er wegen Landfriedensbruch angeklagt und zu 6 Monaten Gefängnis verurteilt. Nur auf Grund einer Amnestie braucht er sie nicht zu verbüßen.
Otto Weber wirkt weiter als Stadtverordneter. Im Leninbund/Linke Kommunisten und mit der KPD gemeinsam kämpft er gegen den heraufziehenden Faschismus – ohne Erfolg. Sofort nach der „Machtergreifung“ der Hitlerfaschisten am 30. Januar 1933 treffen die Leninbündler mit Genossen der Sozialistischen Arbeiterpartei Deutschlands (SAP) – einer linken Abspaltung der SPD – zusammen, um den Widerstand gegen die Nazis zu organisieren. Otto Weber nimmt an einer illegalen Konferenz in Berlin mit etwa 20 Genossen, darunter Kurt Deutsch und Heinrich Winkler, teil. In der Folgezeit bringen Kuriere Flugblätter nach Rathenow. Als Deckadresse stellt sich Schneidermeister Leppin zur Verfügung, von dem das eingehende Material an die Genossen zur Verteilung weitergegeben wird.
Zur Landtagswahl am 5. März 1933 kandidiert Otto Weber im hiesigen Wahlkreis 4/ Potsdam I auf dem KPD-Listenplatz 1. Die KPD gewinnt trotz erbarmungsloser Verfolgung in Rathenow fast 1000 Stimmen mehr als zuvor – aber er wird das gewonnene Mandat nicht mehr wahrnehmen können. Denn seit die Herrschenden Hitler am 30. Januar die Reichskanzlerschaft übertragen hatten, tobt der offene Staatsterror. Am letzten Februartag 1933, unmittelbar nach der Reichstags-brandprovokation, rollt die erste Verhaftungswelle. Otto Weber und weitere 13 kommunistische Funktionäre werden von der flugs gebildeten „Hilfspolizei“ aus SA, SS und „Stahlhelm“ verhaftet. Im Polizeigefängnis, Berliner Str. 1-2, und später im Amtsgerichtsgefängnis werden sie vier Monate gefangen gehalten. Unter Folterungen zur Erpressung von „Geständnissen“; sogar mit einer Scheinerschießung, versuchen die Faschisten, sie klein zu kriegen. Demütigungen und immer wieder Prügel – die „Roten“ sind nicht zu brechen. Im Juni werden sie „versuchsweise“ entlassen. Da sie ihre politische Arbeit fortsetzen und die KPD-Mitglieder neu organisieren, wird die (vermutete) Leitung wieder verhaftet und in das seit dem Sommer bestehende KZ Oranienburg verschleppt. Otto Weber kommt – aus unbekannten Gründen – mit kurzer Haft davon.
Aber schon im April 1934 schlägt die Geheime Staatspolizei (Gestapo) zu: Festnahme, Einlieferung ins Amtsgerichtsgefängnis Rathenow, Anklage wegen Vorbereitung zum Hochverrat. Seine Widerstandsgruppe hat Flugblätter angefertigt und verteilt. Der Generalstaatsanwalt beim Kammergericht Berlin beschuldigt Otto Weber, dem Mitangeklagten Gustav Thiecke „um die Jahreswende 1933/34 auf der Sraße ein kleines Päckchen übergeben“ zu haben, in welchem sich das „aus 8 Blättern beste-hende Programm einer illegalen kommunistischen Druckschrift ‚Rote Blätter'“ befunden habe. Viel mehr ist der Fünfergruppe nicht nachzuweisen. Im August 1934 wird das Urteil gesprochen. Noch steht nicht die Todesstrafe auf Vorbereitung zum Hochverrat; das folgt erst später. Otto Weber erhält 2 Jahre Gefängnis, die „Rädelsführer“ Emil Schultze und Otto Rosin 3 bzw. 2,5 Jahre Zuchthaus, Julius Hagenau und Gustav Thiecke 2 bzw. 2,25 Jahre Gefängnis. Paul Nickel wird freigesprochen.
Nach seiner Entlassung 1936 arbeitet Weber in der Rathenower Optikfirma von W. Köppen. Er klärt seine Kollegen über die Verbrechen der Nazis auf, sucht Gleichgesinnte, debattiert mit aller Vorsicht über Wege zur Beendigung der faschistischen Herrschaft, betreibt im Krieg Rundfunkagitation (Verbreitung der Nachrichten des Moskauer Rundfunks und Radio London) und unterstützt u. a. französische Kriegsgefangene und Zwangsarbeiter. Einem von ihnen verhilft er, wie sein Genosse Hermann Schmidt berichtet, zur Flucht.
Als die Deutsche Wehrmacht unter den Schlägen der Sowjetarmee zurückgedrängt wird, soll der „Ostwall“ sie aufhalten. Auch Otto Weber wird zur Zwangsarbeit gezogen und muß von Juli bis Oktober 1944 Erdarbeiten verrichten; vermutlich an der Oder. Ihre Niederlage können die Faschisten nicht verhindern.
Nach der Befreiung vom Hitlerfaschismus ernennt der sowjetische Stadtkommandant Otto Weber zum Stadtrat und Leiter des Dezernats für Volksbildung. Er ist Vorsitzender des Antifa-Ausschusses und wird nach der Zulassung der Parteien im Juni 1945 zum Pol.-Leiter der Rathenower KPD gewählt. Im April 1946 wird er bei der Vereinigung mit der SPD Ko-Vorsitzender des paritätisch besetzten SED-Vorstandes der Stadt.
Im Oktober 1948 schließt das SED-Landesschiedsgericht Otto Weber „wegen starker sektiererischer Tendenzen“ aus der Partei aus, da er sich zur Politik des Leninbundes von vor 1933 bekannte. Weber hatte sich gegen die Entwicklung zur „Partei neuen Typus“ gewandt. Als „Trotzkist“ wirft man ihm „arbeiterfeindliche Einstellung“, „Opportunismus“ und „Sowjetfeindlichkeit“ vor. Karl Gehrmanns Verwendung für Otto Weber durch eine positive Stellungnahme bleibt wirkungslos. Weber wird alle Funktionen und sein Amt als Stadtrat los.
Natürlich war Otto Weber kein „Parteifeind“, er hatte auch keine „antisowjetische Haltung“. Der schwammige Kampfbegriff „Opportunismus“ (also Anpassung) trifft ihn ebenso wenig. Er war ein Kommunist, der „starrköpfig“ auch dann an seinen Überzeugungen festhielt, als er in die Fänge der Nazischläger und ihrer Justiz geriet. Aber er machte den Stalinkult nicht mit und lehnte sich gegen die durch die SED übernommenen stalinistischen Linie und Strukturen in Partei und Staat auf. Der begonnene „Kampf um die Einheit und Reinheit der Partei“ hatte ein erstes Opfer gefordert. Der Kampf gegen „linke Abweichler“ war das Vorspiel zum Kampf gegen den „Sozialdemokratismus“.
Seine politische Arbeit leistete der 59-jährige nunmehr in der Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes (VVN). Er sammelte Material und schrieb über den anti-faschistischen Widerstand in Rathenow/Westhavelland. 1965 erhielt er die Medaille „Kämpfer gegen den Faschismus“, aber sein Name kam in den Veröffentlichungen nicht vor. Sein Gesicht ist heute unbekannt.
Als Otto Weber 1971 in Rathenow starb, verwehrte ihm die SED die letzte Ehre. Auf dem städtischen Friedhof gibt es einen Ehrenhain für die antifaschistischen Kämpfer, Gedenksteine tragen deren Namen – aber Weber fehlt. Es ist an der Zeit, seinen Namen als Akt der Wiedergutmachung nachzutragen.

auf dem Städtischen Friedhof (2011)
Die Sozialistische Arbeiterpartei Deutschlands
Kürzlich war ich bei Inge Schwarzer, um Manfreds Bildarchiv zu sichten. Da zeigte sie mir Gerichtsunterlagen vom Hochverratsprozeß gegen ihren Vater Wilhelm Hermann aus dem Jahr 1933 (siehe unten), denn sie hatte von meinen Recherchen zum antifaschistischen Widerstand in der Region erfahren. Was dieses Material so wertvoll macht, ist der Einblick in den politischen Kampf der SAP, der in der Geschichtsschreibung der SED kaum Berücksichtigung fand, zumindest aber nicht konkret den Strömungen der deutschen Arbeiterparteien zugeordnet wurde. Ich betrachte es als wichtig und notwendig, die gesamte Breite sichtbar zu machen.
Die Sozialdemokratische Partei Deutschlands unterlag in ihrer Geschichte mehrfach Wandlungen, die sie von einer revolutionären, marxistischen Arbeiterpartei über Reformismus und Opportunismus zu „Kaisersozialisten“ mißbildete. Ihre Burgfriedenspolitik (1914) führte zur Bildung der Unabhängigen Sozialdemokratischen Partei Deutschlands (USPD) und des Spartakusbundes. Bei der Novemberrevolution 1918 stützte der SPD-geprägte Vollzugsrat (die amtierende Reichsregierung) wesentlich die Konterrevolution. Ebert, Scheidemann, Noske und Genossen haßten die Revolution zutiefst und setzten das Militär zur Niederschlagung ein (Noske: „Einer muß der Bluthund sein!“).
Kritische Linke innerhalb der SPD wurden früh bekämpft. 1916, mitten im 1. Weltkrieg, schloß die SPD-Reichstagsfraktion über 30 Kriegsgegner aus den eigenen Reihen aus – allen voran Karl Liebknecht und Otto Rühle. Das war der entscheidende Anstoß für die Gründung der USPD im Frühjahr 1917. Solcherlei „Reinigung“ gab es weiterhin, vor allem wenn nach der Gründung der KPD (Jahreswende 1918/19) der tiefe Antikommunismus das Handeln diktierte. So wird es niemanden wundern, dass auch in Rathenow – hier ist Karl Priefert nur einer der Partei-Rechten – ein Sozialdemokrat aus der Partei gejagt wurde. Hermann Schneider hatte, wie es damals durchaus üblich war, Parteiveranstaltungen der KPD besucht. Man ging zur eigenen Information in die Versammlungen anderer Parteien, besonders vor Wahlen. Übrigens auch in die der politischen Gegner. Der SPD-Ortsleitung genügte das, er flog: „19. März 1931 – SPD-Wahlverein Rathenow; Durch Ihre Teilnahme an kommu-nistischen Veranstaltungen haben Sie sich außerhalb unseres Partei-Statuts gestellt. Der Parteivorstand hat daher beschlossen, Sie aus der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands auszuschließen.“ Unterschrift: (Otto) Warneke. Das Vorstandsmitglied, hauptamtlich Angestellter der Gewerkschaft, sprach seinen nunmehr ehemaligen Genossen demonstrativ mit „Sie“ an, um ihn damit deutlich auszugrenzen.
Otto Warneke wurde am 12. März 1933 in die SVV gewählt. Mit der zweiten Verhaftungswelle am 27. Juni 1933, nach dem SPD-Verbot, kam auch Warneke ins KZ Oranienburg. Da wurde er von der SA drangsaliert, wie die schon vorher dorthin verschleppten Kommunisten.
Hermann Schneider (geb. am 28.9.1909, Gärtner, Friesacker Str. 12) war nach seinem Rausschmiß KPD-Mitglied geworden. Am 3. Juli 1933 wurde er mit der dritten Verhaftungswelle ins KZ Oranienburg eingeliefert. Kriminalsekretär Amelungen, in Rathenow Vertreter der Politischen Polizei, hatte 17 Leiter und Mitglieder von illegalen Widerstandsgruppen festgenommen. Hermann Schneider ist als einer der acht „Führer der Vierergruppen“ benannt. Soviel zu den Erosionen bei der SPD, die deren kritische Linke in andere Parteien trieb. Im KZ litten sie nun gemeinsam.
Sicher war der „Blutmai“ 1929, als der SPD-Polizeipräsident von Berlin, Zörrgiebel, auf die von den Kommunisten organisierte Demonstration schießen ließ, einer der Auslöser zur Abspaltung der Partei-Linken von der Sozialdemokratischen Partei. Die Weltwirtschaftskrise mit den Folgen von Hunger und Elend bei den werktätigen, nun arbeitslosen Massen und die Toten der Demo auf den Berliner Straßen sorgten zur Abkehr weiterer Linker. Schließlich kam es im Herbst 1931 zum Ausschluß von sechs Reichstagsabgeordneten wegen „Bruches der Fraktionsdisziplin“, die daraufhin die Sozialistische Arbeiterpartei Deutschlands (SAP oder SAPD) gründeten. Eine Minderheit des linken Flügels der SPD und der SAJ schlossen sich an, Teile der KP-O mit Paul Fröhlich, Jakob Walcher u. a. sowie die Rest-USPD um Theodor Liebknecht kamen dazu. Die Partei hatte anfangs ca. 25.000 Mitglieder. Das Hauptziel der SAP war die Einheitsfront mit SPD, KPD, Gewerkschaften und anderen Arbeiterorganisationen gegen den Faschismus. Dazu führte sie eine Reihe von antifaschistischen Kundgebungen und anderen Veranstaltungen mit der KP-O und dem Leninbund durch. Ihre Publikationen waren die täglich erscheinende „Sozialistische Arbeiterzeitung“ und die Wochenzeitung „Die Fackel“.
Bei den Reichstagswahlen erreichte die Partei im Juli 1932 0,2% (72.630 Stimmen) und im November 1932 0,1% (45.200 St.). Bei der Wahl zum Preußischen Landtag 1932 stimmten ca. 80.000 Wähler für die SAP (0,4%). Nur in Hessen erreichte die SAP 1 Mandat bei 1,6% Stimmenanteil. Folglich gab es noch bis Anfang 1933 Auseinandersetzungen um die eigene Wirksamkeit. Es wurde die Auflösung der SAP zugunsten von SPD und KPD diskutiert, gegen die sich der linke Flügel widersetzte. Derweil errichtete das Industrie- und Bankkapital die Hitlerdiktatur. Die SAP ging in den illegalen Widerstand, in dem über die Hälfte ihrer Mitglieder aktiv waren. Auch in Rathenow.
Welchen Geistes die SAP war, zeigt das Beispiel der Rathenower Josef Holz, Emil Schmidt, Gustav Wieprecht sen. und Gustav Wieprecht jun., Wilhelm Hermann, Willi Diebenkorn und Wilhelm Eberwein, die mit ihren Brandenburger Genossen eine Widerstandsgruppe gegen die faschistische Diktatur bildeten. Friedrich Lüdemann hatte, so die Anklageschrift der Staatsanwaltschaft (siehe unten), die Aktionseinheit gegen die Nazis zwischen SAP, KPD und SPD angestrebt. Das Schreiben mit dem Aufruf wurde bei der Durchsuchung der Brandenburger SPD-Geschäftsstelle von der Gestapo gefunden.
Lesen wir die Unterlagen, damit wir den Mut und die Klarheit der Genossen würdigen können:
In einer Bescheinigung liest man:
„Schlosser Wilhelm Herrmann, geb. 2.10.1901,
Rathenow, Grünauer Weg 20;
[…] wird durch die Justizbehörde bescheinigt, dass er sich vom 4. Juli 1933 bis zum 7. Juni 1934 im Gefängnis Berlin-Tegel aufgehalten hat.“
Anklageschrift
Der Generalstaatsanwalt Berlin W 57, den 7. September 1933 bei dem Kammergericht Elßholzstr. 32
An den Herrn Vorsitzenden des 2. Strafsenats Bei dem Kammergericht
Hier
- Josef Holz, geb. 21.9.1893, Pantinenmacher, RN Blumstr. 6
- Emil Hermann Schmidt, geb. 31.1.1896, Schiffszimmerer, RN Blumstr. 2
- Gustav Wieprecht, geb. 18.1.1887, Galvaniseur, RN A.-Hitler-Ring V/8
- Gustav Wieprecht, geb. 16.8.1908, Werkzeugschlosser, RN A.-Hitler-R. V/8
- Wilhelm Herrmann, geb. 2.10.1901, Schlosser, RN Grünauer Weg 20
- Willi Diebenkorn, geb. 26.6.1907, RN Potsdamer Str. 4
- Wilhelm Eberwein, geb. 27.8.1900, RN A.-Hitler-Ring 3
- Heinrich Müller, geb. 13.10.1997, Prokurist, BRB
- Betty Müller, geb. 7.11.1908, Arbeiterin, BRB
- Franz Trieb, geb. 29.10.1906, Ingenieur, BRB
- Friedrich Lüdemann, geb. 20.7.1002, Dreher, BRB
Nr. 1 – 6 seit 11. Mai 1933 in U-Haft, Gerichtsgefängnis Rathenow
Nr. 7 – 11 seit 23. Mai 1933 in U-Haft, Gerichtsgefängnis Brandenburg
werden angeklagt, zu Brandenburg und Rathenow von März bis Mai 1933 das Unternehmen, die Verfassung des Deutschen Reiches gewaltsam zu ändern, durch Verbreitung von Schriften vorbereitet zu haben.
Verbrechen gemäß §§ 81 Ziffer 2; 86; 86a StGB, § 20 Abs. 1 der RG über die Presse v. 7.5.1874
Bei der Durchsuchung wurde eine 12 Seiten starke Druckschrift bei Holz gefunden: „Spartakus“ „Abrechnung folgt“
Zeugen: Pol.-Mstr. Maaß, RN
Pol.-Wmstr. Spetzel, RN
Emil Otto, RN, z.Zt. KZ Oranienburg
Dreher Walter Netzeband, RN Blumstr. 7
Kripo-Kommissar Poggartz, BRB
- „[…] 3. 4. 1933: Bei dem Angeschuldigten Holz vorgenommene Durch-suchung wurde eine 12 Seiten starke Druckschrift „Spartakus“ gefunden, die mit einem Vervielfältigungsapparat hergestellt war und die durch das Pressgesetz vorgeschriebene Angaben über Drucker, Verleger usw. nicht enthielt.“
KPD-kritische Passagen werden zitiert (Arbeiter haben sich nicht vom Reformismus gelöst; die RGO ist keine schlagkräftige Organisation; die Theorie des „Sozialfaschismus“; kein ausreichendes Einheitsfrontangebot jemals an die SPD; kein Spitzenangebot für ganz konkrete Kampfziele, wie sie die SAP immer forderte). „In den Fegefeuern des kapitalistischen Terrors wird die Arbeiterklasse blutig begreifen müssen, dass der Weg aus der Krise, aus Not und Elend nur herausführt durch die Eroberung der politischen Macht, durch die Diktatur des Proletariats! Dabei wird die revolutionäre Partei Wegweiser und Avantgarde sein!“ - 6. Mai 1933: Durchsuchung bei Fa. Wiederholz. Bei der Angestellten Betty Müller in der Frühstückstasche 3 Stück „Spartakus“ gefunden, in der Wohnung 2 weitere Stücke. Im Text: Stellungnahme zu einer Resolution des EKKI „Der Aufruf der EKKI kennzeichnet nur die vollständige Unfähigkeit der Komintern, deren Schicksal in Deutschland und im Allgemeinen ebenso besiegelt ist wie das Schicksal der III. Internationale.“
Zu den personenbezogenen Anschuldigungen:
Wieprecht (Vater) habe seinem Sohn Gustav von Brandenburg mitgebrachte Schriften gegeben, der sie „an seinen früheren SAP-Genossen Eberwein“ weitergab.
Wieprecht (Sohn) habe 30 Stück mitgebracht und an Eberwein gegeben.
Eberwein habe die Schriften in Päckchen sortiert und mit dem Namen der Unterverteiler versehen. Einer davon war Herrmann, der etwa 20 Stück erhalten habe. Etwa vier Wochen später habe Wieprecht (Sohn) wiederum 40 Stück aus Brandenburg mitgebracht. Wieprecht (Sohn) bestätige des Vaters Aussagen.
Herrmann, Mitglied der SAP, habe Schriften verteilt.
Diebenkorn (SAP) habe Wieprecht (Vater) bei Verhaftung Holz gewarnt. Eberwein wäre Mitglied der SAP seit Herbst 1932.
Heinrich Müller, SAP seit Oktober 1931, Prokurist der Fa. Wiederholz, kenne Wieprecht (Vater), der wie er früher der SPD angehörte.
Betty Müller, SAP, arbeitet bei der Fa. Wiederholz.
Trieb – SAP seit 15.1.1932.
Lüdemann, SAP seit Januar 1932, seit Mai 1932 Org-Leiter der SAP Brandenburg, habe je Druckschrift immer 50 bis 60 Stück erhalten. Er habe mit einem Schreiben vom 1. März 1933 zu einem Zusammengehen von KPD, SAP und SPD aufgefordert. Das Schreiben wurde bei der Durchsuchung der SPD-Geschäftsstelle Brandenburg gefunden.
Die Urteile:
Friedrich Lüdemann wurde als „Rädelsführer“ zu 2 Jahren Gefängnis verurteilt. Er kam nur wegen (angeblich) „freimütigen Geständnisses“ um die Zuchthausstrafe herum. Er hatte jedoch weder den Namen des Berliner Kuriers noch andere genannt. Gustav Wieprecht sen. und Wilhelm Eberwein erhielten je 1,5 Jahre, Franz Trieb und Betty Müller je 1,25 Jahre, Gustav Wieprecht jun., Wilhelm Hermann und Hermann Schmidt bekamen je 1 Jahr Gefängnis. Josef Holz, Willi Diebenkorn und Heinrich Müller wurden – man konnte nichts Konkretes nachweisen – freigesprochen.
Die Tragik ihrer Spaltung und deren unmittelbare und mittelbare Folgen sind die Last der Erfahrungen der Arbeiterklasse. Wir dürfen es nie vergessen.

