Die Novemberrevolution 1918/19
Aus der Geschichte der Rathenower Arbeiterbewegung
Der sozialdemokratische Wahlverein – in Rathenow 1889, also während der Zeit des Sozialistengesetzes (1878-90), gebildet – prägte durch intensive Aktivitäten der Mitglieder den Kampf für die Arbeiterinteressen. Am Beginn des Jahrhunderts stand die zahlenmäßig wachsende Sozialdemokratie der Stadt auf dem Boden der II. Internationale und ihrer Beschlüsse von Stuttgart 1907. Jedoch bemächtigten sich (etwa ab 1907) zunehmend Partei-„Rechte“ der Führung. Direkten Anteil daran hatte Eduard Bernstein, der in Rathenow Schulungsabende mit SPD-Mitgliedern, vor allem aber mit Funktionären, abhielt. Er vertrat die Theorie vom friedlichen Hineinwachsen in den Sozialismus.
Diese Idee wurde durch die kapitalistischen Unternehmer der sich rasch entwickelnden optische Industrie begünstigt. Die großen Profite von Emil Busch AG, Nitsche & Günther und der vielen anderen mittleren optischen Betriebe ermöglichte es ihnen, stärker als anderswo einzelnen Gruppen von Arbeitern besondere Begünstigungen zu gewähren (z.B. den „Goldarbeitern“ im Gegensatz zu den „Rotenburgern“), sie also zu korrumpieren. Das wirkte sich – wie beabsichtigt – zersetzend auf die einheitliche Kraft der Arbeiterklasse aus. Revisionistische und opportunistische Auffassungen fanden ihre Anhänger, Klassenkampf schien überholt und überflüssig.
Gegen den imperialistischen Krieg
Die Anti-Kriegs-Beschlüsse der II. Internationale in Basel 1912 gingen 1914 im nationalistischen Taumel verloren. „Ich kenne keine Parteien mehr, ich kenne nur noch Deutsche“, verkündete Kaiser Wilhelm II., und die SPD-Reichstagsfraktion bewilligte die Kriegskredite. Die Rathenower Führung der SPD billigte diese Politik, obwohl sie wenige Tage vor Kriegsausbruch auf einer Kundgebung das Bekenntnis zu Basel beteuert hatte. Die klassenbewußten Arbeiter dachten ganz anders. August Klopprogge suchte am 3. August 1914 den Vorsitzenden des Metallarbeiterverbandes in Rathenow, den SPD-Mann Karl Priefert, auf und stellte ihm die Frage: „Genosse Priefert, wird die Führung der Sozialdemokratie und der Gewerkschaften nun entsprechend den Beschlüsse von Stuttgart und Basel handeln?“ (Bei Kriegsausbruch war ein Generalstreik in allen beteiligten Ländern vereinbart.) Priefert entgegnete: „Ja willst du, dass wir von der russischen Dampfwalze überrollt werden?“ Natürlich organisierte die SPD keine Aktionen gegen den Krieg.
Nach Karl Liebknechts mutigem Auftritt im Reichstag (Ablehnung weiterer Kriegskredite am 2. Dezember 1914) stellten sich die Linken in der SPD an die Spitze des Kampfes gegen den Krieg und das zunehmende Elend der Arbeiterfamilien als dessen direkte Folge. Auch in Rathenow und durch Rathenower SPD-Genossen, die der Krieg in alle Winde verstreut hatte, wurde der Kampf aufgenommen. Karl Gehrmann und August Klopprogge verbreiteten unter den Soldaten Flugschriften, die über den Charakter des Raubkrieges aufklärten. Arbeiterfrauen des sozialdemokratischen Ortsvereins sammelten Unterschriften gegen den imperialistischen Krieg.
Spartakus und USPD
Unter dem Druck der wachsenden Massenbewegung gegen den Krieg und angesichts der durch den Parteivorstand der SPD betriebenen Ausschlüsse revolutionärer Mitglieder bildete sich die Unabhängige Sozialdemokratische Partei Deutschlands (USPD). Die Linken der am 1. Januar 1916 gegründeten „Internationalen Spartakusgruppe“ schlossen sich der USPD an. Auch in Rathenow trennte sich der revolutionäre SPD-Flügel von den Reformisten; Otto Weber, Karl Gehrmann, August Klopprogge und Friedrich Herrmann gründeten 1917 die Spartakusgruppe. Sie organisierten sogleich die Flugblattverteilung in Rathenow und Premnitz.
Karl Gehrmann war gleichzeitig Obmann der Spartakusgruppe im Zeppelin-Luftschiffhafen Berlin-Staaken. Er gehörte zu den Organisatoren des Munitionsarbeiterstreiks im Januar 1918. Die Gruppe wollte auch die Munitionsfabriken Premnitz und Gapel für den Streik gewinnen, aber die Flugblätter fielen in die Hände der kaiserlichen Polizei, und der Einfluß rechter Sozialdemokraten verhinderte in den Fabriken den Streik. Jedoch beteiligten sich im gesamten Reich 2,5 Millionen Arbeiter im Sommer am Streik der schlesischen und sächsischen Bergarbeiter, der Textil- und Hüttenarbeiter in Bayern und der Metallarbeiter im Ruhrgebiet gegen Krieg, Not und Elend, für einen sofortigen Frieden und den Sturz der Monarchie. Der Spartakusbund rief von seiner Reichskonferenz am 7. Oktober 1918 zum revolutionären Kampf auf. Die SPD-Führung lehnte die Revolution ab, die USPD-Führer betrieben eine unentschiedene Politik. Aber die Revolution war nicht aufzuhalten, sie begann am 3. November mit dem Aufstand der Matrosen von Kiel und erfasste am 9. November das ganze Reich.
Die revolutionären Ereignisse in Rathenow
In Rathenow nahmen die revolutionären Ereignisse mit einer Kundgebung auf dem Alten Turnplatz (am Friedrich-Ebert-Ring) ihren Anfang. Karl Priefert, der dem rechten Flügel der SPD angehörte, sprach. „Genossen, es ist heute wieder eine Lust zu leben. Das Kind, das heute geboren wird, trägt rote Haare.“ Diese „Pointe“ zitierte der Mitbegründer und 1. Vor-sitzende des Ortkartells der Rathenower Reichs-, Staats- und Kommunalbeamten (gegründet am 18.1.1919) 10 Jahre später in der „Rathenower Zeitung“ vom 4.1.1929. Nach seinen Worten wäre damit „Klarheit über das geschaffen, was im Freistaat Rathenow werden sollte. Die Sozialdemokratie war innerhalb dieses Gebietes der Machtfaktor geworden. Und deren Verfassungsurkunde war für’s erste das Erfurter Programm.“ Wenn’s das man gewesen wäre!
Arbeiter- und Soldatenräte
Fakt war, dass am 11. und 12. November 1918 in Rathenow ein Arbeiter- und Soldatenrat gebildet wurde. Initiatoren waren Karl Gehrmann und Otto Weber seitens Spartakus, hauptsächlich aber waren in ihm SPD-Funktionäre vertreten. Sie nahmen das Offizierskasino (Bahnhofstraße Ecke Dunckerstraße/jetzt Berliner Str.) als Sitz und Standort in Beschlag und hissten die rote Fahne. Franz Laege berichtet: „Bei Ausbruch der Revolution befand ich mich für einige Tage in Urlaub. Am 10. 11. wurde ich als Vertreter der Urlauber durch den Genossen Möhring in den Arbeiter- und Soldatenrat berufen und einige Tage später von den anderen Urlaubern bestätigt. Meine Wahrnehmungen am Ort bezüglich des Verhaltens der Reaktion waren so, dass man sagen konnte, die Herrschaften hatten sich in die Mauselöcher verkrochen.
Der Arbeiter- und Soldatenrat wurde gebildet aus Funktionären der Arbeiterbewegung, die zum größten Teil der SPD angehörten, nur ein kleiner Teil gehörte der Spartakusbewegung an. Um für Ruhe und Ordnung zu sorgen, wurden ca. 40 Mann aus den Reihen der Arbeiterschaft ausgewählt, die für die Bewachung, insbesondere der Waffen, eingesetzt wurden.

An und für sich hatte die Reaktion nicht gewagt, irgendwie hervorzutreten. Beim Rückzug der Truppen aus dem Felde ist mir folgendes in Erinnerung: Es war in der zweiten Novemberhälfte, als eines Tages ein Trupp von ca. 30 Mann (ehemalige Zietenhusaren) und einigen Offizieren das Offizierskasino stürmen wollten. Ihre Absicht bestand darin, die rote Fahne von unserer Tagungsstätte herunterzuholen und uns aus dem Hause zu verjagen. Der noch amtierende Oberbürgermeister Lindner versuchte, mit einem Blumenstrauß bewaffnet die Truppe zu begrüßen. Die Truppe setzte vor dem Kasino ab und drohte in das Haus einzudringen. Der Genosse (Ludwig, D.S.) Hassenflug und meine Wenigkeit griffen sofort zum Karabiner, und durch gütiges Zureden einiger Genossen nahm die Truppe von der Erstürmung Abstand.
Zu den Aufgaben des Arbeiter- und Soldatenrates gehörte die Kontrolle des Staatsapparates, die Betreuung der zurückkehrenden Soldaten sowie die Versorgung der Bevölkerung mit lebensnotwendigen Gütern.“
Ernste Versäumnisse und Fehler der Revolutionäre werden deutlich: Der Staatsapparat blieb unbehelligt; man wollte lediglich kontrollieren. Die Führungsstruktur in der Kaserne Bahnhofstraße blieb unangetastet, man ließ die Offiziere gewähren. Von der Entmachtung der Herrschenden – also der Rathenower Industriellen und der Großagrarier auf dem Lande – war gar nicht zu reden. Das Fehlen einer kampfstarken revolutionären Partei war unübersehbar, denn die SPD war nicht bereit dazu. Friedrich Eberts „Ich hasse die Revolution wie die Pest“ ist überliefert.
Die Arbeiter- und Soldatenräte konnten ihre Rolle als potentielle Machtorgane des revolutionären Volkes nicht wahrnehmen. Der geschilderte Einfluß opportunistischer SPD-Führer führte dazu, dass die anfängliche Aktionseinheit unterlaufen und die öffentliche Gewalt aus den Händen gegeben wurde. Der Reichsrätekongreß bildete zwar am 20. Dezember 1918 noch einen „Zentralrat der Sozialistischen Republik Deutschland“, übertrug jedoch die künftige Macht an die am 19. Januar 1919 zu wählende Nationalversammlung – und entmachtete sich damit selbst. Die Arbeiter- und Soldatenräte spielten keine Rolle mehr und lösten sich im November 1919 auf.
Die Revolution hatte Deutschland aus dem imperialistischen Krieg herausgelöst. In Rathenow erklärten sich die Mannschaften der Minenwerferkompanie mit den Arbeitern solidarisch. Die Soldaten dieser Einheit brachten damit ihre Bereitschaft zum Ausdruck, die Revolution zu unterstützen. Die Spartakisten waren im Arbeiter- und Soldatenrat ihre wahren Vertreter. Aber dort wurde der Einfluß der Reformisten immer stärker. Der Kampf um die Ziele der Revolution drohte zu versanden.
Darum verlangten Karl Gehrmann und andere auf einer Sitzung des im Stadtverordnetensaal (Berliner Str. 1) tagenden Arbeiter- und Soldatenrates die Bewaffnung der Arbeiter.
Karl Priefert lehnte diese Forderung ab mit der Begründung, das sei nicht notwendig. Sein Gleichnis des Kindes mit roten Haaren hatte er offenbar längst vergessen; er stellte sich auf die Seite der restaurativen Kräfte, also der Reaktion. Priefert verkörperte die opportunistische Linie, die in der wohl über 1.000 Mitglieder umfassenden SPD der Stadt die Mehrheit hatte. Die Linke war genötigt, sich organisatorisch von der SPD abzunabeln. Spartakus rief zur Gründung der Kommunistischen Partei.

KPD-Gründung
Zum Gründungsparteitag der KPD (30. Dezember 1918 bis 1. Januar 1919) entsandte die Rathenower Spartakusgruppe Richard Manke, Karl Gehrmann und Friedrich Huxdorf. Am 9. Januar 1919 wurde von Karl Gehrmann, Otto Weber, F. Huxdorf, R. Manke und anderen die örtliche Kommunistische Partei Deutschlands gegründet. Die überwiegende Mehrheit der USPD-Mitglieder ging den Schritt in die KP. Ein kleiner Teil kehrte später in die SPD zurück.
Die Sozialdemokratische Partei hatte sich vom Spartakusbund und den Kommunisten scharf distanziert. Das wollte sie deutlich machen und veranstaltete am 12. Januar eine Kundgebung. Es sprach der SPD-Genosse Peus. Er trat gegen die Politik der Spartakisten auf, also gegen die revolutionären Kräfte der Arbeiterklasse in Rathenow. Die Ortsgruppe der KPD entfaltete dagegen eine rege Aufklärungsarbeit unter der Bevölkerung der Stadt und des Kreisgebietes. (Die Mitgliederzahl der KPD ist nicht bekannt; 1931 gehörten ihr in Rathenow etwa 80 Mitglieder an.)
Über die weiteren revolutionären Ereignisse und Kämpfe berichtet Franz Laege: „An einem Sonnabend im Frühjahr 1919 (es kann nur vor Beendigung der Januarkämpfe in Berlin gewesen sein; D.S.) kam es zu einem Zusammenstoß zwischen Soldaten der Reichswehr und den ‚roten’ Matrosen vor dem Waldschloß (damals noch Restauration „Zur Erholung“; D.S.). Ein Matrose wurde hierbei erschossen. Acht Mann der Reichswehr versuchten nun in das Waldschloß einzudringen, um eine Veranstaltung der Bevölkerung zu stören. Die Soldaten wurden aufgefordert, ihre Waffen abzulegen, dann stehe einem Eintritt nichts im Wege. Ungeachtet dieser Aufforderung drangen die Soldaten bewaffnet in den Saal ein. Sofort wurden sie von den Anwesenden vertrieben und bis zum damaligen ‚Cafe Rheingold’ (an der Ecke Bahnhofstraße; D.S.) zurück gejagt. Nach einer Stunde erschienen dieselben Soldaten mit scharfer Munition und schossen in den Saal. Hierbei wurde der Genosse (Friedrich, D.S.) Kapphammel durch einen Schuß in die Lunge verwundet. Die Veranstaltung flog an diesem Abend auf. Am nächsten Tag, Sonntag, wurden sämtliche Soldaten und Offiziere, soweit sie sich auf den Straßen sehen ließen, von der Zivilbevölkerung entwaffnet. Die Soldaten und Offiziere erhielten daraufhin sechs Wochen Ausgehverbot.“
Die Schilderung zeigt die Brisanz der ersten Revolutionsmonate. Es gab keine gefestigten Machtstrukturen. Der Arbeiter- und Soldatenrat agierte mit Forderungen, Appellen und Überzeugungsarbeit auf Versammlungen und Kundgebungen, die SPD verhielt sich abwartend, die Reaktion wagte sich immer dreister vor.
(Die Berliner Ereignisse im Januar 1919, als die Revolution abgewürgt wurde, spiegelte die Rathenower reaktionäre Presse wider – siehe ab Seite 17.)
Im April 1919 fanden Wahlen zum Arbeiterrat statt (der den A+S-Rat ablöste), auch er verfolgte keine konsequent revolutionäre Linie. Das wird klar, betrachtet man die gewählten Mitglieder aus der opportunistischen SPD und sogar des Beamtenkartells.
Die Beurteilung und Haltung zur Revolution seitens der bürgerlichen und monarchistischen Kräfte der Stadt werden deutlich, wenn man spätere Auslassungen des schon erwähnten Vorsitzenden des Beamtenbundes, Engel, liest. Er schrieb in der „Rathenower Zeitung“ vom 4. und 5. Januar 1929 im Rückblick „10 Jahre Rathenower Beamtenschaft“: „Die Optikstadt lebte nach dem 6. November 1918 als Land und Stadt für sich. Zug- und Telefonverkehr waren unterbrochen, Zeitungen blieben aus. Wir waren von der Außenwelt wie abgeschnitten und stillten unser Verlangen nach Gewissheit über das, was ist oder wird, durch gegenseitige Mitteilungen. … Wunschgedanken, die Erscheinungen des Massenwahns in schweren Zeiten, kursierten als Parolen vom Bahnhofsviertel bis zum Haveltor. Schließlich stand die Stadt unter dem Schutz des Arbeiter- und Soldatenrates, der für die Nacht Soldaten durch die Stadt patrouillieren ließ. Mit aufgepflanztem Seitengewehr. Und auf dem Offizierskasino wehte die rote Fahne. Herr Geheimrat: Was war das überhaupt für eine Institution, der Arbeiter- und Soldatenrat? Woher nahm er sein Recht?“
Engel beklagt in diesem Artikel, dass den Beamten der Dienstherr abhanden gekommen war. Auf den Kaiser vereidigt, verstand er nach dessen Sturz die Welt nicht. Wem waren sie denn nun verpflichtet? Der neuen Macht, die noch nicht einmal klar definierbar war – dann würden sie doch ihren Eid brechen. Versagten sie sich aber einer neuen Staatsmacht, wäre das auch wieder Untreue! So riefen er, Ilse Seyda und der Lehrer Wilhelm Wepner zur Versammlung aller Beamten, die aber zunächst scheiterte. Offenbar hatte jeder Angst um seine Existenz, wenn er sich zu früh festlegte. Aber da kamen ihnen schon am 10. November 1918 die „ozialistischen Volksbeauftragten“ in Berlin mit ihren Erlaß über die Sicherstellung der Beamtenrechte zu Hilfe. (Der Erlaß war von dem in Göttlin geborenen Wilhelm Flügel entworfen worden; Flügel war später der Vorsitzende des Beamtenbundes in Deutschland.) Also wurde am 18. Januar 1919 das Ortskartell der Rathenower Reichs-, Staats- und Kommunalbeamten gegründet. Es waren etwa 1.000 Mitglieder einschließlich der Angestellten und Arbeiter aus den Dienststellen.
Die Konterrevolution
Nach der Niederlage der Revolutionäre bei den Januarkämpfen 1919 in Berlin ging die Reaktion Anfang 1920 zum Angriff über. Kapp und General Lüttwitz inszenierten ihren Putsch als Versuch zur Errichtung einer Militärdiktatur. Er begann am 13. März 1920 und wurde durch den Generalstreik und die bewaffnete Abwehr der einig handelnden Arbeiter am 17. März beendet. Die Anführer flohen ins Ausland. Über die Ereignisse in Rathenow berichtete Gustav Meier: „Am Vorabend des Kapp-Putsches fuhr ich zur Hochzeit meines ältesten Sohnes nach einem Dorf in der Nähe von Stendal. Der Berliner Morgenzug läuft ein und ihm entsteigt der inzwischen zum Stadtrat beförderte Genosse Karl Priefert. Er fragt mich: ‚Wo willst du hin?’ Meine Antwort lautet: ‚Ich fahre nach Stendal.’ Darauf antwortet der Genosse Priefert: ‚Bleib zu Hause, du kommst nicht wieder zurück.’ Wir fuhren dennoch zur Hochzeit. Am Abend beim Tanz ertönt plötzlich in der Saaltür der Ruf: ‚Es geht kein Zug mehr!’ Nun hieß es für die Rückfahrt zu rüsten, und nach eineinhalbstündigem Fußmarsch erreichten wir Stendal. Auf dem Wege zum Bahnhof, inmitten der Stadt, wurden schon Maschinengewehre, Gewehre, Handgranaten und Munition an die Arbeiter ausgegeben. Am Bahnhof angekommen, erfuhren wir zunächst, dass der Verkehr eingestellt ist. … Als wir in Rathenow ankamen, waren mehrere Genossen am Bahnhof, welche uns sofort zum Volksgarten (dem späteren Sportpalast; D.S.) schickten. Der Garten des Lokals war bereits bis auf den letzten Platz besetzt. Während der Versammlung wurde beschlossen, eine Delegation zur Kaserne zu schicken, um mit den Offizieren zu verhandeln. Nach längerem Hin und Her wurde uns die vorläufige Neutralität der in Rathenow stationierten Truppenteile zugesagt. Es kam dann auch während des Kapp-Putsches zu keinen bewaffneten Auseinandersetzungen in Rathenow.“ Hervorzuheben ist, dass es während des Putsches in Rathenow teilweise zu Kontakten und sogar Verbindungen zwischen Angehörigen der Reichswehr und Arbeitern kam.
Hier ist ein interessantes Detail einzufügen: Eine der wichtigsten konterrevolutionären Einheiten unter Kapp/Lüttwitz war die Marinebrigade Ehrhardt. Kapitän Ehrhardt hatte seine Freischärler auf den brandenburgischen Gütern in Berlin-Nähe als „Landarbeiter“ untergebracht. Hier fanden Ausbildung und Vorbereitung auf den Militärputsch statt. Es deutet einiges darauf hin, dass einer der Standorte das Gut Kleßen war. Das wäre eingehend zu erforschen, denn in der Folge kommt Ehrhardt weiter mit Gut Kleßen in Verbindung. Im Rathenower Heimatkalender 2010 wird Ehrhardt als Käufer des Gutes benannt, das er offensichtlich von Graf von Bredow erworben hat. Von Bredow war 1929 NSDAP-Kreisleiter anstelle von Fritz Krause geworden, der als erster Nazi-Abgeordneter in den Westhavelländischen Kreistag gewählt wurde.
Die „Westhavelländische Tageszeitung“ vom 28. Juni 1933 meldete: „Kapitän Ehrhardt bekennt sich zur NSDAP“, das habe er der SS-Reichsführung mitgeteilt. Er wäre „persönlich in die NSDAP eingetreten“ und „hat sich mit seinem Wehrverband Brigade Ehrhardt dem Reichsführer SS unterstellt“. Eine folgerichtige Entwicklung der Demokratiefeinde, die sich mit ihrem Kampflied „Hakenkreuz am Stahlhelm, schwarz-weiß-rotes Band…“ früh als Faschisten bekannt hatten.
Herr Engel vom Beamtenbund berichtet über das „Frühjahr 1920 zur Zeit der Spartakustreibereien“.
„Man sprach von der Überleitung der Fabriken usw. in das Eigentum der Belegschaften und der Verwaltung der Unternehmen durch die Betriebsräte: Schulze & Bartels sowie Rapsch sollten enteignet worden sein.“ Am Sonnabend, dem 27. März 1920, wäre mittags 1 Uhr eine „Versammlung der Kommunisten und Spartakisten“ auf dem Stadthofplatz abgehalten worden. Nach Schluß der Kundgebung würde das Rathaus gestürmt und das gesamte Geld der Stadt beschlagnahmt, lauteten die wilden Gerüchte. Nun wurden Handgranaten und Maschinengewehre zum Schutz des Rathauses bereitgestellt. Zwecks Leerung der Stadtkasse zahlte man die Gehälter vorzeitig aus, damit den Spartakisten bloß nichts in die Hände fiele. Am Sonnabendnachmittag wurde Dienst für alle Beamten angesetzt. Eine Polizeistaffel brachte man heimlich bei einem Bürger am Stadthofplatz unter, damit sie alle Aktionen beobachten und eventuell einschreiten konnte.
Um 13 Uhr waren etwa 700 Menschen auf dem Stadthofplatz versammelt, meldeten die getarnten Polizisten zum Rathaus: Reden würden gehalten, lang und ausführlich, die Menge bleibe friedlich. Um 15 Uhr erreicht das Gerücht von 20.000 Menschen, die auf das Rathaus zu marschieren, die Verteidiger. Gefechtsbereitschaft wird hergestellt. Das Kommando führen ein Hofdruckereibesitzer (das ist Walter Babenzien), ein Gerichtsassessor, ein Manufakturist und ein Direktor. Das schwere Maschinengewehr wird von einem Oberförster bedient, zwei Eimer Wasser zum Kühlen des Laufs stehen bereit. Das SMG ist auf die Schleusenbrücke gerichtet. Aber die erwarteten Rathausstürmer kommen nicht, denn die Leute gehen nach der Kundgebung nach Hause. Der befürchtete Kampf ums Rathaus fällt aus.
Eine Anmerkung zu Dr. Walter Babenzien: Er wurde mit der „Westhavelländischen Tageszeitung“ (als Mitbesitzer) einer der frühen Unterstützer der Nazipartei, der Redakteur Gustav Bieck gehörte 1926 zu den Gründern der NSDAP Rathenow. Rechtanwalt Babenzien wurde Leiter der Rechtsstelle der NSDAP-Kreisleitung.
Die revolutionären Kämpfe in Deutschland und anderen europäischen Staaten dauerten an, die junge Sowjetmacht in Russland musste sich in den Interventionskriegen ihrer Feinde erwehren. Während der Kämpfe der Roten Armee gegen Truppenteile der polnischen Armee vor Warschau 1920 wurden Teile der sowjetrussischen Armee auf deutsches Gebiet abgedrängt und interniert. Die Offiziere und Soldaten kamen in das Lager Havelberg. Die Genossen der KPD-Ortsgruppe sammelten unter der Bevölkerung Lebensmittel und Kleidungsstücke für die Internierten. Zwölf KPD-Genossen brachten die Spenden nach Havelberg und verteilten sie.
Auch die nach dem Sturz der Räte-Regierung in Ungarn 1919 nach Deutschland geflohenen Emigranten erhielten Unterstützung. Einige von ihnen kamen nach Rathenow und fanden durch die Hilfe der KPD-Ortsgruppe Arbeit. Die sozialdemokratische Reichsregierung wies sie jedoch aus, sie mussten in Sowjetrussland Zuflucht suchen. Dem Protest gegen die Verhaftung des Volkskommissars für Auswärtige Angelegenheiten der ungarischen Räte-republik, Bela Kun, durch die deutschen Behörden schlossen sich die Rathenower Linken und sympathisierende Bürger an – die Reichsregierung musste ihn freilassen.
Soziale Kämpfe 1923
Nach der völkerrechtswidrigen Besetzung des Ruhrgebietes durch französische Truppen 1923 kam es zu solidarischer Hilfe der Rathenower Arbeiter. Auf Einladung der Genossen weilten im Frühjahr Kinder von Ruhr-Bergarbeitern vier bis sechs Wochen zur Erholung in der Stadt. Doch zur gleichen Zeit gab es in Rathenow alarmierende Zeichen: Die ersten Hakenkreuzschmierereien tauchten im öffentlichen Raum auf! Die schwarze Farbe, klagte Oberbürgermeister Lindner vor dem Magistrat am 20. Januar 1923, ließe sich schwer entfernen. Und: Man solle doch „das Parteiengezänk“ angesichts der Lage sein lassen, „alle Deutschen müßten doch jetzt fest zusammenstehen“! Lieber sollte man sich über Hilfe für das besetzte Gebiet verständigen. Hakenkreuze? Da drängt sich der Verdacht einer Verbindung zu Ehrhardt und Gut Kleßen geradezu auf!
1923 spitzten sich die gesellschaftlichen Widerprüche zu. Die Inflation verschärfte die Not der Werktätigen und besonders der Arbeitslosen. Elend und Hunger kennzeichnete die Lage weiter Teile des Volkes. Der Widerstand gegen die Herrschenden wuchs. In Rathenow kam es zu Lohnkämpfen in der Emil Busch AG; einer der führenden Köpfe war dabei der optische Arbeiter Otto Seeger, SPD-Mitglied und Betriebsrat. Er wurde später gefeuert und auf die schwarze Liste gesetzt, so dass er bis in die Nazizeit in keinem optischen Betrieb mehr Arbeit fand – Konsequenz war eine Scheinselbständigkeit als Einrunder, als Zulieferer für die großen Firmen, in einem sogenannten Waschküchenbetrieb in der Brandenburger Str.4.
Die Rathenower Kommunisten organisierten 1923 eine Arbeitslosendemonstration. Die SPD-Führung lehnte jegliche Unterstützung für diese Protestaktion ab. Walter Gansow berichtet: „Diese Demonstration nahm ihren Anfang auf dem Marktplatz. Als der Demonstrationszug sich dem Apollo-Theater näherte, stürzte sich eine bewaffnete Gruppe von Reichswehrsoldaten auf uns mit dem Ziel, die demonstrierenden Arbeiter auseinander zu jagen. Ich selbst flüchtete in die Jägerstraße und wurde von einigen Reichswehrsoldaten verfolgt und mit Gummiknüppeln geschlagen. Der Führer dieser Bewaffneten war von Manteuffel, der dem Vorgehen gegen die Arbeiter mit einem höhnischen Grinsen zugesehen hat.“ Die Brutalität der Reichswehr machte auch vor dem schwerbeschädigten Max Behrend nicht halt. Er wurde im Vorraum des Apollo-Theaters (Standort in der Berliner Straße, etwa beim Kulturhaus; D.S.) niedergeschlagen. Nach dieser Erwerbslosendemonstration wurde über die Stadt Rathenow ein achttägiger Belagerungszustand verhängt.
Eine Anmerkung zu Manteuffel: Hasso von Manteuffel war 1918 Rittmeister und Führer der 4. Eskadron im Husarenregiment 3 „von Zieten“ und im späteren Kavallerieregiment 17 der Reichswehr in Rathenow. Er spielte in der faschistischen Wehrmacht, zuletzt als Kommandeur der 3. Panzerarmee, eine wichtige Rolle. In der Endphase des Krieges, im April 1945, floh der General mit 300.000 Mann (die Zahl ist zu bezweifeln!) in britische Gefangenschaft, „weil seine Truppe nicht in der Lage war, den Vormarsch der sowjetischen Armee nördlich Berlins zu verhindern“!! 1959 wurde er in der BRD wegen Totschlags zu zwei Jahren Gefängnis verurteilt, da er verantwortlich war für die Hinrichtung eines kriegsmüden deutschen Soldaten im Jahre 1944. Er betätigte sich als Politiker der FDP und in rechten Parteien.
Soweit die Dokumente und Zeitzeugen zur Novemberrevolution 1918 und der revolutionären Nachkriegskrise in Rathenow. In den folgenden Jahren der relativen Stabilisierung des kapitalistischen Systems ebbte der Klassenkampf nicht ab. Lohnkämpfe fanden permanent statt, um den sich stark fühlenden Rathenower Unternehmern Zugeständnisse abzutrotzen. Auch in den kommunalen Körperschaften wurde zäh um soziale Projekte gestritten, wobei die revolutionären Linken als Abgeordnete Einfluß auf Entscheidungen zu nehmen versuchten, die die Lage der Arbeiter und Arbeitslosen verbessern konnten. Dabei übernahmen die Kommunisten die Rolle des sozialen Korrektivs zur ausgeprägten opportunistischen Praxis der Rathenower Sozialdemokraten.

Quellen
- Dem 40. Jahrestag der Deutschen Novemberrevolution gewidmet, Herausgeber: Kommission der Kreisleitung der SED zur Erforschung der Geschichte der Arbeiterbewegung, 1958
- Rathenower Zeitung Jahrgang 1929

