Die Märzrevolution 1848
Seit dem Vormärz und erst recht im Frühjahr 1848 gärt es überall. Von Frankreich aus schlägt die Welle der Revolution in das übrige Europa, auch nach Deutschland. Die unerträglichen gesellschaftlichen Widersprüche drängen zu einer Lösung, aber die Feudalklasse ist unwillig und unfähig zu Veränderungen zugunsten des Bürgertums und erst gar nicht zu Verbesserungen der Lage der arbeitenden Klasse.
Der Barrikadenkampf im März in Berlin ist bekannt. Das aufrüttelnde Beispiel der Kämpfer am Beispiel des jungen Ernst Zinna, der unter den Kugeln der königlichen Grenadiere starb, begeistert das Volk. Der Ausspruch des „Kartätschenprinzen“, des künftigen deutschen Kaisers, „Gegen Demokraten helfen nur Soldaten“ empört die Massen. Aber die Genugtuung, dass der König seinen Hut vor den auf dem Schlossplatz aufgebahrten toten Revolutionären ziehen muß, stärkt Bourgeoisie und Proletariat.
Die Revolution erfasst die märkische Kleinstadt Rathenow
Wie in vielen anderen deutschen Städten litt auch in Rathenow das Wirtschaftsleben unter der seit 1847 herrschenden Wirtschaftskrise. Als unter dem Einfluß der revolutionären Ereignisse die Arbeiter stärker mit ihren Forderungen nach Arbeit und sozialer Sicherheit hervortraten, versuchte der Magistrat sie durch Notstandsarbeiten ruhig zu stellen. Der lange geplante Bau der Chaussee nach Brandenburg über Bamme, Mützlitz wurde begonnen. Bisher hatte der märkische Adel das verhindert, denn die Gutsbesitzer waren an überregionalen Verkehrsstrukturen nicht interessiert und wollten ihren bestimmenden Einfluß auf alles öffentliche Geschehen erhalten. Der Baubeginn war am 8. Mai 1848, und 1856 war die Landstraße fertig.
Aber zurück zum März: Joachim Freimuth schreibt: „Der Kaufmann Eduard Borchert als Augenzeuge der schweren Kämpfe am 18. März in Berlin überbrachte einen Tag später die Kunde nach Rathenow. Er berichtete in allen Einzelheiten über seine Erlebnisse und fand gespannte Aufmerksamkeit, besonders unter den Handwerkern, Kleinbürgern und Arbeitern. Heftigen Widerwillen der Bevölkerung der Stadt rief das Verhalten des westhavelländischen Kreistages hervor, der am 20. März auf Veranlassung der ihn dominierenden Gutsbesitzer bei einem Diner im „Deutschen Haus“ dem König und seinem ‚tapfer kämpfenden Heer‘ einen Toast ausbrachte. Dabei hatten die preußischen Soldaten längst unter dem Druck der Revolutionäre Berlin räumen müssen. Rathenower Bürger, die es sich finanziell leisten konnten, fuhren nach Berlin, um sich von den Ereignissen zu überzeugen. Sie kamen tief beeindruckt zurück. Als am 22. März unter großer Anteilnahme der Bevölkerung die gefallenen Barrikadenkämpfer im Friedrichshain beigesetzt wurden, war im Trauergefolge auch der ehemalige Bürgermeister Schulz.“ Adolf Friedrich Ferdinand Schultze war Bürgermeister von 1830 bis 1843.
Am 16. und 24. April 1848 finden Volksversammlungen auf dem Alten Turnplatz statt. Der liegt nordöstlich vor der Stadt (am heutigen Friedrich-Ebert-Ring, gegenüber der Jahnschule) und ist der Ort für solche Zwecke. Die Forderungen lauten: Demokratie, Einheit Deutschlands, Erhöhung der Löhne, Herabsetzung des Brotpreises (dazu Abschaffung der Mahlsteuer) und weiteres. Die Versammlung verläuft ungestört, da die 1. und 2. Schwadron des Brandenburger Kürassierregiments, die in Rathenow in Garnison liegen, abwesend sind und von der Reaktion nicht gegen die Demonstranten eingesetzt werden können.
Ein Ergebnis der ersten Versammlung ist die Errichtung einer Bürgerwehr zum „Schutz der öffentlichen Ruhe“. Ein Zwölferkomitee übernimmt am 19. April diese Aufgabe: Bürgermeister Johann Heinrich Gustav Fischer, Hauptmann George, Gastwirt Giesler, Seifensieder Hollefreund, Zimmerpolier Krahnast, Knopfmacher August Mertens, Kaufmann Mixius, Stadtgerichtsdirektor Paalzow, Brauereibesitzer Rogge, Schuhmachermeister Schmidt, Gutsbesitzer Titschkau und Kaufmann Wallstab. Am 25. April fordert der Magistrat zum freiwilligen Beitritt auf. Und der Kommandeur Friedrich Rogge, der Brauereibesitzer, befiehlt für Sonntag, den 30. April, um 6 Uhr Exerzieren mit Waffen an der Reitbahn in der Schützenstraße (Puschkinstraße). Später werden im Schützenhaus Schießübungen abgehalten. „Ruhe ist die erste Bürgerpflicht“?
Im Mai 1848 werden durch den Magistrat die Statuten „Entwurf einer Verfassung der Bürgerwehr zu Rathenow“ mit 52 Paragraphen beschlossen. Darin ist die Dienstpflicht jedes Bürgers bis 60 Jahre festgelegt. Organisiert ist die Wehr in einem Bataillon mit sechs Kompanien; sie entsprechen den Stadtbezirken. Die Wehrmänner wählen ihre Führer für ein Jahr. Die Führerversammlung und ein Ehrengericht sollen die Disziplin garantieren. Strafen für Vergehen gegen die Statuten werden festgelegt: Geldstrafe (ein Silbergroschen), Strafexerzieren, Ordonnanzdienst, Ausschluß aus der Wehr. Die Aufgabe besteht im „Schutz der öffentlichen Ruhe“.
Es zeigt sich deutlich die unterschiedliche Interessenlage: Hier das besitzende Bürgertum, da die Kleinbürger und Handwerker. Die Arbeiter sind für beide nur eine Randgruppe. Also ist die Bürgerwehr zwar ein Instrument der Demokraten, aber nicht zur Verteidigung von Errungenschaften der Revolution, sondern der Interessen der Großbourgeoisie. Und trotzdem ist sie für die Demokraten ein wichtiger Machtfaktor.
Natürlich sind die Widersprüche nicht gelöst, die Forderungen vom April nicht erfüllt. So gärt es im Mai unter den Zimmer- und Maurergesellen, sie fordern höhere Löhne. Die Bauunternehmer reagieren nicht. Da stürmen am späten Abend des 14. August die Gesellen das Haus des Maurermeisters Wiese. Sie werfen die Fensterscheiben ein und verprügeln Wiese und seine Schwester. Bürgermeister Fischer wird aus dem Bett geholt und eilt zum Ort des Geschehens. Da sind die Tumulte jedoch schon beendet. Er alarmiert am nächsten Tag die Bürgerwehr, aber die Verhandlungen und die schließlich friedliche Einigung zwischen Meistern und Gesellen sind bereits erfolgt. Auch die Elementarlehrer der Stadt und der Umgebung „beantragen“ nun eine Gehaltserhöhung.
Bürgermeister Johann Heinrich Gustav Fischer ist ein überzeugter Anhänger der bürgerlichen Revolution und der bald zusammentretenden Frankfurter Nationalversammlung. Er fordert vor der Stadtverordnetenversammlung, zur Behebung der Not unter der Bevölkerung von den reichen Bürgern der Stadt mit einem jährlichen Einkommen von über 300 Reichstalern eine besondere Einkommenssteuer zu erheben. Die Mehrheit der Stadtverordneten lehnt jedoch ab. Aber immerhin: Der Magistrat sendet unter Fischers Einfluß eine Adresse an die preußische Nationalversammlung, den Vereinigten Landtag, in der er gegen die Vertreibung dieses gewählten Organs aus Berlin protestiert und Maßnahmen zum Widerstand gegen die Gewaltpolitik des Königs fordert. Fischer wird damit zum Feindbild der Konservativen, also der Großbourgeoisie, der Monarchisten und ihrer Staatsgewalt. Später verleumdet der kaisertreue Heimatforscher Walter Specht den Bürgermeister Fischer, der (so Specht) „hauptsächlich die Hetze gegen die Regierung leitete“.
Die Nationalversammlung ermöglichte mit ihrer schwachen und kompromissbereiten Politik ein Erstarken der Kräfte der Reaktion. Das „Ministerium“, also die königliche Regierung, hatte deren Sitzung am 9. November „vertagt“ und die Nationalversammlung kurzerhand nach Brandenburg an der Havel verlegt. Sie degradierte sie so zur Bedeutungslosigkeit. Gleichzeitig rief der König General Wrangel – das Militär hatte nach den Märzkämpfen aus Berlin abziehen müssen – zurück. Der berüchtigte General mit seiner starken Truppenmacht flankierte die Vertreibung der preußischen Nationalversammlung.
Und es gibt ein unter den einfachen Leuten in ganz Europa Empörung auslösendes Ereignis: Die Ermordung Robert Blums. Der in Köln geborene Sohn eines Fassbinders, der autodidaktisch hoch gebildete Proletariersohn, war als offizieller Vertreter der Nationalversammlung ins revolutionäre Wien gesandt worden. Er stellt sich in Konsequenz seiner Einsicht dem bewaffneten Kampf gegen die Konterrevolution. Deren Führer Windischgrätz und Schwarzenberg lassen den gefangenen Blum am 9. November 1848 erschießen.
Ein Proteststurm erhebt sich nach dem Meuchelmord. Wir können wohl mit Fug und Recht davon ausgehen, dass er auch die Rathenower Arbeiter und Kleinbürger und manchen Bürgerlichen erregt und ihr Handeln in den folgenden Tagen bestimmt. Zwei Volksversammlungen finden statt, in denen heftige Kritik an den Maßnahmen der Regierung geübt wird. Die Situation ist brisant. Und jetzt kommt die Rathenower Garnison ins Spiel.
Der Rathenower Aufruhr
Am 14. November 1848 erhält Rittmeister von Kotze den Befehl, die beiden Kürassierschwadronen nach Brandenburg zu führen und die dortigen Schwadronen, die nach Potsdam beordert wurden, zu ersetzen. Die Demokraten sind alarmiert, sie vermuten, dass die Truppen in Berlin den Bürgerprotest unterdrücken sollen. In der Stadt bilden sich überall große Menschenmengen, die spontan fordern, den Ausmarsch zu verhindern, damit die Soldaten nicht gegen die Brüder in Berlin eingesetzt werden können. Der Garnisonkommandant fordert den Magistrat auf, die Bürger zu beruhigen. Einige, unter ihnen auch der Fabrikant Eduard Duncker, wollen diese Forderung durchsetzen, aber sie werden von der Bevölkerung verhöhnt, bedroht und nach Hause geschickt. Rittmeister von Kotze ist ratlos.
Wie verhält sich die Rathenower Bürgerwehr? Der Kommandeur Rogge ist abwesend, Bürgermeister Fischer ist verreist. Der Bürgerwehr-Hauptmann Conrad will den Ausmarsch verhindern. Er verhandelt mit dem Kämmerer Mielatz, dem stellvertretenden Bürgermeister; der lehnt ab. Nun beraten sich die Bürger in den Bierstuben der Brauerei Conrad. Sie beschließen, dass der Tambour Grund in der Altstadt und die Leute des Stadtmusikus in der Neustadt Alarm schlagen sollen.
In dieser Situation greift der königliche Landrat für die Gegner der Revolution ein. Er versammelt rasch den Magistrat und drängt ihn zur Forderung nach Abtreten der Bürgerwehr, „um einen Zusammenstoß mit dem Militär zu verhüten“. Aber die 6. Kompanie gehorcht nicht. Sie besetzt in der Neustadt das Berliner Tor (Berliner Ecke Goethestraße), das Brandenburger Tor (Ende Brandenburger, Anfang Gr. Milower Straße) und das Weinbergtor (das Torhaus auf dem Friedhof), um ein Ausrücken des Militärs zu verhindern. Im Neustädtischen Rathaus, Berliner Ecke Schleusenstraße, befanden sich die Kommandantur und auch das Offizierskasino
Die befehlsgemäß um 11 Uhr aufmarschierten Kürassiere werden von den Einwohnern mit Steinen und Dreck beworfen, Pferde durch Piken- und Bajonettstiche scheu gemacht. Auf den von aufgebrachten Bürgern umringten Rittmeister wird vor dem Offizierskasino (Ecke Schleusenplatz) ein Gewehr abgefeuert, ohne dass der Schuss sich löst. Die Soldaten versuchen nun in chaotischer Unordnung, durch das verbarrikadierte Berliner Tor zu entkommen – vergeblich. Ein Trupp stürmt zum Brandenburger Tor. Nur ein Teil von ihnen gelangt auf die Landstraße, ehe die Bürgerwehr die Torflügel verrammelt. Die abgeschnittenen Kürassiere versuchen von außen vergebens, das Tor aufzubrechen. Rittmeister von Kotze sammelt seine Truppe auf dem altstädtischen Marktplatz. In geschlossener Formation brechen die Berittenen durch das Büngersche Gehöft (Mittelstraße 1a und 2) über die Zollmauer aus.
Einen Tag später, am 15. November, kommt – als wäre nichts geschehen – eine Kommission von Gardeoffizieren in die Stadt, um die Unterbringung von 550 Rekruten zur Ausbildung vorzubereiten. Die Stimmung in der Bevölkerung ist nach den Vorgängen des Vortages so aufgebracht, dass sich kaum einer zur Aufnahme bereit findet. Die Offiziere ziehen unverrichteterdinge ab. Vierzig Rathenower, die eine Einberufung zur Landwehr erhalten haben, werden durch die Bevölkerung öffentlich aufgefordert, sich nicht zu stellen, um nicht zur Unterdrückung der revolutionären Unruhen missbraucht zu werden. Bürgermeister Fischer widersetzt sich denn auch in einer Botschaft an den König und übt öffentlich Kritik an König und Regierung. Allerdings ist die Botschaft zwiespältig: Der König wird beschworen, den Vorfällen des 14. November keine Bedeutung beizumessen. Ganz offenbar werden hier die Interessen des besitzenden Bürgertums bedient: Der König soll die Garnison in Rathenow belassen. Der preußische König ist jedoch über die Rathenower Vorfälle „sehr erbittert“ und befiehlt den Abzug der Garnison aus der Stadt. Die „Kreuzzeitung“, eigentlich „Neue Preußische Zeitung“, das führende Blatt der Herrschenden, bemerkt unter Schilderung der Ereignisse vom 14. November, „dass Rathenow eine der schlechtest gesinnten Städte der Monarchie ist“.
Der Rathenower Aufruhr hat Folgen. Die an ihm „Schuldigen“ werden ein Jahr später, am 17. November 1849, angeklagt. Das Kammergericht verhandelt am 11. und 12. März 1850 in Brandenburg gegen 32 teils angesehene Bürger Rathenows. 27 Angeklagte werden zu Zuchthaus- und Gefängnisstrafen verurteilt. Unter ihnen 13 Bürgerwehrmänner, die wegen der Alarmierung als Urheber der Unruhe angeklagt waren.
13 Bürger erhalten je drei Jahre Zuchthaus:
- Böttcher Meier
- Ökonom Titschkau
- Zimmerpolier Schneider
- Schneider Müller
- Tuchmacher Taubenspeck
- Aufkäufer Döbelin
- Knopfmacher Mertens
- Arbeiter Tritschler
- Maler Egerling
- Arbeiter Paetsch
- Tuchscherer Thomas
- Sattler Stuhde
- Geometer Kissing
Zwei Jahre Festung:
- Schreiber Behren
- Kaufmann Keisler
- Maurer Wisch
- Zimmermann Biese
Acht Monate Gefängnis: Maler Barmann
Sechs Monate Gefängnis:
- Arbeiter Kempf
- Arbeiter Walther
- Arbeiter Erdmann Gutjahr
- Arbeiter Holzbauer
- Maurer Müller
- Maurer Garz
Zwei Monate Gefängnis: Kissing jun.
Zwei Verurteilte sind namentlich nicht mehr bekannt. Es sind Terrorurteile. Sie erregen wegen ihrer Härte allgemeines Aufsehen. Magistrat und Stadtverordnete reichen ein Gnadengesuch ein, das der König in aller Schärfe ablehnt; sein Unwille gegen Rathenow hat sich noch verstärkt. Angesichts der drohenden Haltung der Bevölkerung sieht sich die Stadtverordnetenversammlung gezwungen, den Angehörigen der Verurteilten Unterstützung zu zahlen, um wenigstens deren nackte Not abzuwenden.
Zurück ins Jahr 1849 – 9 Monate nach dem Aufruhr
Am Nachmittag des 14. August 1849 wird durch Stafette die Landwehr, ein königstreues Instrument, einberufen. Eine Deputation der Bürgerwehr (das Instrument der Demokraten) überreicht dem Landrat „einen in starken Ausdrücken gehaltenen Einspruch“ gegen die Einberufung. Aber die Bürgerwehr ist schon gespalten: 33 andere Bürgerwehrmänner legen dagegen Verwahrung ein. Die Führung der Bürgerwehr (die Demokraten) fordern auf Plakaten dazu auf, das Ausrücken der Landwehr zu verhindern, damit sie nicht an den Brennpunkten gegen die verbliebenen Revolutionäre eingesetzt werden kann. Daraufhin lässt der Landrat die Bürgerwehr durch den Bürgermeister darauf hinweisen, dass sie nach ihren Pflichten „Gesetz und Ordnung zu schützen“ und daher das Ausrücken der Landwehr zu schützen und zu sichern habe. Positionen und Kräfteverhältnis in Rathenow werden sichtbar, aber sicher ist sich die Konterrevolution noch längst nicht. In Erinnerung an den 14. November 1848 nunmehr vorsichtig geworden, lässt der Landrat am folgenden Tag die königlichen Kassen durch die Bürgerwehr schützen – so ist diese durch den Befehl gebunden und kann nichts gegen das Ausrücken der Landwehr unternehmen.
Fischer, der Kopf der Demokraten, soll entmachtet werden. Das Bürgermeisteramt ist ein Wahlamt. Der Landrat, ein königlicher Beamter, hatte schon nach dem Rathenower Aufruhr vom 14. November gegen Fischer eine Disziplinaruntersuchung eingeleitet. Damit nahmen die Auseinandersetzungen zwischen Demokraten und Konterrevolutionären sichtbar zu. Außerdem hatte der König höchstselbst eingegriffen. Er hatte zur Strafe die Garnison aus Rathenow abgezogen. Die Stadtverordnetenversammlung will darum am 31. Januar 1849 eine Deputation an das Kriegsministerium und den König schicken, um wieder zwei Schwadronen Kürassiere in die Stadt zu bekommen – ein wichtiger Wirtschaftsfaktor für die Bourgeoisie der Stadt. Fischer tritt in einer großen Rede dagegen auf. Der Stadtverordnete Gärtner Bölcke erklärt daraufhin dem Bürgermeister, kein Vertrauen mehr zu ihm zu haben. Fischer verlässt aus Protest die Sitzung. Ein Tumult setzt ein: Die Gegner der Demokraten begleiten Fischers Auszug mit Beifall und Bravorufen, die Demokraten (nach Specht die „Arbeiterpartei“) entfachen Protest, so dass die Versammlung gesprengt wird. Abends ziehen etwa 30 Arbeiter vor Bölckes Haus am Eingang der Kleinen Milower Straße und bewerfen es mit Steinen. Die Bürgerwehr (!) wird eingesetzt, um Bölcke und die in seinem Haus befindliche Forstkasse zu schützen. Aber der Tumult ist da schon vorbei.
Zwei Tage später, am 2. Februar 1849, veranstalten die Demokraten einen abendlichen Fackelzug zur Wohnung Fischers (Berliner Straße 4, Ecke Brandenburger Straße), um ihm Sympathie und Unterstützung zu signalisieren. Der Bürgermeister dankt und hält eine Rede, die sicherlich die revolutionären Ziele bekräftigt und vor der Gefahr durch die Gegenkräfte warnt. So ziehen die Demonstranten anschließend zu konterrevolutionären Bürgern, veranstalten dort die so genannte Katzenmusik (Lärm und Schmähungen) und werfen Fenster ein. Die Bürgerwehr wird von den Anti-Fischer-Leuten im Magistrat zur Zerstreuung der Menge eingesetzt.
Trotzdem scheint Fischers Position gefestigt, da es der Konterrevolution nicht gelingt, die Bürgerwehr als ihr Instrument zu benutzen. Specht begründet das damit, dass „die rechtlich Gesinnten darin durch Herumtreiber, Arbeiter, Gesellen und Leute, die nichts zu verlieren hatten und darum einen starken Terror ausüben konnten, verdrängt wurden“.
Die Berliner Regierung verhält sich dazu passiv. Die Magistratsmitglieder jedoch geben eine Erklärung ab, „dass sie in Ehren nicht länger mit dem Bürgermeister zusammenarbeiten könnten“. Nun hat der Landrat eine Handhabe. Er führt Beschwerde beim Minister von Manteuffel, der den gewählten Bürgermeister am 1. März 1849 seines Amtes enthebt. Eine gerichtliche Verurteilung kann zwar nicht angestrebt werden, da Fischer in den Tagen des Aufruhrs nicht in der Stadt war. Aber das letzte Hindernis im Staatsapparat – hier der örtlichen kommunalen Verwaltung – ist nun beseitigt, der Weg zum Bündnis der die bürgerliche Revolution preisgebenden Bourgeoisie mit Adel und Monarchie ist frei. Ein sichtbarer Beweis dafür findet sich im Juli 1849. 22 Rathenower Wahlmänner versammeln sich in Gärtner Bölckes Gewächshäusern. Der Ziegeleibesitzer Johann Friedrich Meuß, „einer der Hauptführer der Conservativen in Rathenow“, ist dabei. Sie geben ihre Stimme Otto von Bismarck für die zweite Kammer des Preußischen Landtages. Hier beginnt also dessen politische Laufbahn zum späteren „Eisernen Kanzler“. Die Rathenower Demokraten halten jedoch gar nichts von dem reaktionären Junker Bismarck. Als er in der Kalesche des Rittergutsbesitzers von Stechow am „Deutschen Haus“ vorfährt, wird er mit Steinen beworfen und am linken Arm verletzt. Aber das hält die Reaktion nicht auf. Die schon erwähnten Urteile von Brandenburg (März 1850) runden das Bild der gescheiterten bürgerlichen Revolution ab.
Nach der Entmachtung und Vertreibung Fischers schreiten die Rathenower Großbürger zur Tat. Am 14. Dezember 1849 geben sie General Wrangel, dem starken Mann des schwachen Königs, eine demütige Vorstellung in Gestalt eines üppigen Gastmahls. Und Wrangel verschließt sich nicht länger den Argumenten „zum Schutz der Bevölkerung“. Die Garnison kommt als Standort des 3. Brandenburgischen Husarenregiments zurück. Dahinter aber steckt: Meuß hatte sich nach seinem „vergeblichen Bittgang“ zu Wrangel Ende 1848 dann direkt bei Bismarck dafür verwandt – Hinterzimmerpolitik. Alle Demokraten werden nun stigmatisiert. Selbst Kantor Wolff, Organist in der St. Marien-Andreas-Kirche, wird noch nach seinem Tod (1851) als Sympathisant der Revolution diskriminiert. Über Fischers Verbleib nach der Amtsenthebung ist nichts bekannt.
Die Hoffnungen und der Einsatz der Rathenower Arbeiter während der revolutionären Geschehnisse bleiben unerfüllt. Sie sind die Verlierer der Revolution, da das Bürgertum seine Verbündeten im Stich läßt und sich auf die Seite der eben geschlagenen reaktionären Kräfte schlägt, während das Kleinbürgertum uneinig, unentschlossen und schwankend ist. Aber die industrielle Entwicklung im optischen Gewerbe – 1846 war in der optischen Industrieanstalt von Eduard Duncker/Emil Busch die erste Dampfmaschine in Betrieb genommen worden – läßt auch die Arbeiterklasse wachsen und stärker werden. Die weltweite Krise 1857-1859 verschärft die gesellschaftlichen Widersprüche. Die Arbeiter wehren sich zunächst mit Arbeitskämpfen um höhere Löhne gegen das fortschreitende Elend der Ausgebeuteten. Als die nächste große Wirtschaftskrise schon 1873 folgt (bis 1896), spitzt sich die Lage weiter zu. Die Herrschenden wollen mit Verboten jegliche politische Betätigung der Unterdrückten verhindern. Vom Bismarckschen Sozialistengesetz jedoch eher politisiert und aktiviert als mundtot gemacht, wird 1889 im Gasthof „Grüne Linde“ in Neufriedrichsdorf die erste selbständige Arbeiterorganisation Rathenows gegründet – der Ortsverein der Sozialistischen Arbeiterpartei Deutschlands (ab 1890 Sozialdemokratische Partei Deutschlands).


