Der Tagesspiegel vom 23. Mai 1953
Das Frontstadtblatt „Der Tagespiegel“ verbreitet Greuelmeldungen
Zur „Juwelenhochzeit“ (72,5 Jahre) schenkte uns Susi eine historische Zeitung, eben vom 23. Mai 1953. Eine Westzeitung, die damalige hiesige Zeitung „Märkische Volksstimme“ war nicht zu kriegen. Die hätte sich nach über siebzig Jahren sicher auch seltsam und befremdlich gelesen: Die Zeiten haben ihre eigene Sprache. Aber unter den Bedingungen des Kalten Krieges – wir sagten Klassenkampf – gab es besonders scharfe Stereotype. Die reichten aber dem „Tagespiegel“, dem „Telegraf“ oder der „BZ“ nicht. Sie sogen sich „Tatsachenberichte aus dem Osten“ aus den Fingern. (Die „Bild“, das Revolverblatt, gab es damals noch nicht. Die perfektionierten die Hetze.)
Wir Hochzeiter kannten das einst als alltäglich. Darum belustigten uns die Meldungen, aber sie ärgerten uns doch noch. Viele der Westberliner Leser glaubten das! Und mancher hier, der die DDR weghaben wollte, ja haßte, auch. Na ja, 25 Tage später war der 17. Juni, an dem in Rathenow Wilhelm Hagedorn ermordet wurde und der FDJ-Vorsitzende Hans Franke halb totgeschlagen wurde. Alles hängt mit allem zusammen.
Die Spitzenmeldung des „Tagesspiegel“: Unterirdisches KZ – Zuchthausneubau für 20.000 Häftlinge nach Sowjetvorbild in Neubrandenburg
Ein Kronzeuge wird erfunden, nämlich der frühere Leiter des geheimen Baustabes des SSD (gemeint ist das MfS, hier Staatssicherheitsdienst) Alfred Kalk, der sich geweigert habe und geflohen sei. Zwei Stockwerke unter der Erde seien die Zellen für 20.000 Menschen geplant. Wer nachdenkt, faßt sich an den Kopf. Die Lüge ist so doof, daß es schon wehtut, wenn man sich das bildlich vorstellt. Natürlich hat’s das nie gegeben. Aber sicher kam am nächsten Tag die noch grausigere Nachricht, da denkt niemand mehr über die gestrige nach. Es gibt auf den sechs Seiten noch weitere Schrecken. „Zuchthausurteil gegen evangelischen Geistlichen“ (Seite 2, zur Jungen Gemeinde), „Hitze nicht eingeplant“ (S. 2 zu Getränkeengpaß im Osten bei tropischen Temperaturen über 30 Grad in Berlin) „Beratungen über Osthandel“ (S. 4), „Neuer Fall Wagner“ (S. 5 zur Festnahme eines Handballers vom TSV Marienfelde an der Grenze in Helmstedt), „Von der Bereitschaftspolizei zum ‚SSD'“ (S. 6 über einen Überläufer West-Ost-West, der einen Polizisten in den Osten locken sollte).
Trotzdem: Es ist schon spannend zu lesen, wenn man geschichtsinteressiert ist. Ich kenne solche Lügen z. B. über die hungrigen Kinder im Pionierlager Petzow (in der Woche vor dem 13. August 1961; ich war dort Stellvertretender Lagerleiter). Da hat der sozialdemokratische Pressedienst in Westberlin noch für die Verbreitung gesorgt.
Otto Kienscherf (FDJ-Bezirksleitung Potsdam) sprang im Speisesaal auf den Tisch und erzählte die West-Story; die Pioniere erschraken zunächst, und dann brach ein Gelächter aus! Am nächsten Tag kam „Professor Flimmrich“ (Walter E. Fuß) vom DDR-Fernsehen, und wir bereiteten eine Reportage vor. Ich begleitete drei Pioniere zur Sendung am Montag nach Adlershof. Aber Sonntag war der 13. August! Wir verzichteten auf die öffentliche Einladung Willi Brandts, Regierender Bürgermeister Westberlins und nach unserer Meinung für den SPD-Pressedienst verantwortlich. Es war jetzt alles anders.
Die DDR ist nicht ganz von selbst untergegangen. Danke, Susi.

