Blutmai 1929

Dieter Seeger

Viel ist über den „Bruderzwist“ zwischen Sozialdemokraten und Kommunisten geschrieben worden. Jede Seite bezichtigte die andere des „Arbeiterverrats“ und diffamierte mit Begriffen wie „Kommunazis“ und „Sozialfaschisten“. Eine bequeme Situation für Konservative, Rechte und Faschisten: Deren eigentliche Feinde bekämpften sich erbittert. Sie selbst konnten ihr Süppchen in Ruhe kochen.

Ein Höhepunkt dieses Kampfes war der Blutmai 1929. In Berlin verboten der sozialdemokratische Innenminister Albert Grzesinski und sein Genosse Karl Friedrich Zörgiebel als Polizeipräsident alle Demonstrationen und Kundgebungen unter freiem Himmel. Sie wollten die angekündigten KPD-Demos gegen Massenarbeitslosigkeit und Verelendung sowie für revolutionäre Veränderungen – es war Weltwirtschaftskrise! – verhindern.

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Der „Vorwärts“ (SPD) hetzt schon am 29. April 1929

Die Kommunisten und ihre Sympathisanten marschierten trotzdem im Wedding und in Neukölln. 13.000 Polizisten hatte Zörgiebel aufgeboten. Sie sollten die einzelnen Demonstrationszüge mit jeweils 50 bis 500 Demonstranten aufhalten. Dazu setzten sie zunächst Schlagstöcke und Wasserwerfer („Spritzenwagen“) ein und räumten so die Kreuzungen. Die Arbeiter errichteten Barrikaden. Zörgiebel gab den Schießbefehl, seine Polizisten feuerten in die Menge. Mit Massenverhaftungen versuchten sie, die Straßen unter Kontrolle zu nehmen.

Polizisten schossen auf Balkone und Fenster der Wohnhäuser und töteten sieben Frauen, darunter die Sozialdemokratin Elise Scheibe. Der Reichsbannermann Max Gmeinhard, der von der SPD-Kundgebung im Sportpalast zurückkehrte (SPD und Gewerkschaften hielten gehorsam ihre Maifeiern im Saal ab), wurde an seinem Wohnungsfenster erschossen. Gegen Abend setzte die Polizei gepanzerte Fahrzeuge mit Maschinengewehren gegen die auf den Straßen Protestierenden ein. Wohnungen, an denen rote Fahnen hingen, wurden beschossen.

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Bundesarchiv

Am 2. Mai rief die KPD zum Protest mit Massenstreiks auf. 25.000 Arbeiter folgten dem Aufruf. Die Polizei wütete auch an den folgenden beiden Tagen. Sie durchsuchte Wohnungen der ihnen Verdächtigen und nahm zahlreiche Menschen fest. Faktisch wurde der Ausnahmezustand hergestellt: Strenge Ausgangssperre und ein „Verkehrs- und Lichtverbot“ wurden verhängt. Das bedeutete, dass alle Fenster zur Straße geschlossen bleiben mussten und die Räume nicht beleuchtet werden durften! Am 3. Mai wurde der Journalist Charles Mackay aus Neuseeland auf der Straße erschossen. Erst am 6. Mai hob der Polizeipräsident Zörgiebel die Verbote auf. Der Rotfrontkämpferbund (RFB) wurde wegen „Aufstandsversuch“ verboten.

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Unruhen in Berlin, Neukölln Bundesarchiv

Insgesamt wurden 28 Tote (andere Quellen 33 bzw. 38) und 198 Verletzte gezählt. Der einzige Polizist mit Schussverletzung hatte sich diese durch Unfall einige Tage zuvor selbst beigebracht. Die Polizei gab ihren Munitionsverbrauch mit 11.000 Schuß an.

 

Trotz der Proteststreiks am 2. und 3. Mai in 120 Berliner Betrieben wurde keiner der Schützen und keiner der Verantwortlichen vor Gericht gestellt. Verurteilt wurden jedoch 43 Demonstranten zu insgesamt 10 Jahren Gefängnis (höchste Einzelstrafe 9 Monate). Der „Ausschuß zur Untersuchung der Berliner Maivorgänge“ – Hans Litte, Alfred Döblin, Heinrich Mann und Carl von Ossietzky – konnte keine amtliche Untersuchung gegen die Verantwortlichen des Polizeiterrors erreichen. Zörgiebel wurde 1930 auf Grund der anhaltenden Empörung zwar vorübergehend vom Amt beurlaubt, jedoch später in Köln und Mainz auf gleichem Posten eingesetzt.

2026-10_blutmai-1929_5Die Nazis inhaftierten ihn für einige Wochen, dann blieb er unbehelligt. 1945 wählten ihn seine SPD-Genossen zu ihrem Vorsitzenden in Mainz. Ab 1947 war er für zwei Jahre Polizeipräsident von Rheinland-Pfalz. 1953 erhielt er das Große Verdienstkreuz der Bundesrepublik. In Westberlin trägt noch heute der Zörgiebelweg in Spandau seinen Namen, desgleichen Straßen in Mainz und Köln. 2010 bekannte Berlins Innensenator Körting (SPD) sich zu Zörgiebel als sein Vorbild.

Am 2. Mai 1929 erschien das sozialdemokratische „Rathenower Tageblatt“ mit mehrseitigen Berichten: Die Kommunisten hätten die Bluttat bezweckt! Die Kommunisten hätten zuerst auf die Polizisten geschossen, die sich wehren mussten! Moskau hätte Gewalt befohlen! Die KPD-Funktionäre hätten „Radaubrüder“ und „Janhagel“ (Pöbel) vorgeschickt! Das alles war in einem fürchterlichen Ton von Haß, Beschuldigung, Diffamierung und Herabwürdigung gehalten, wie man es eigentlich nur von der Nazipresse kennt.

Tagelang wurde das Ereignis ausgewalzt. Frohlockend meldete man das Verbot des Rot-Front-Kämpfer-Bundes (RFB). Der SPD-Parteivorstand in Berlin verfasste eine Stellungnahme im gleichen Scharfmacherton, sie war der Aufmacher am folgenden Tag. Und die Schmähungen gingen noch tagelang im „Rathenower Tageblatt“ weiter. In dessen Impressum finden sich: Redaktionelle Leitung – Friedrich Ebert; Verantwortlicher für Politik und Wirtschaft – i. V. Paul Wendt; Lokales – Felix Rossmann, Rathenow.

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Gedenkstein zum Blutmai 1929 im Wedding
Standort an der Walter-Röber-Brücke, Wiesenstraße (aufgestellt 1981: „19 Tote, 250 Verletzte)

Die bürgerliche Presse hielt sich etwas zurück. Die „Rathenower Zeitung“ berichtete natürlich am 2. Mai und den folgenden Tagen vom Blutmai in Berlin und weiteren Auseinandersetzungen in anderen Städten. Allerdings im Umfang beschränkter und mit nicht nur einseitiger Schuldzuweisung á la SPD. Eine Zwischenüberschrift lautete: „Mit Maschinengewehren und Panzerautos“. Diese Ausrüstung konnte wohl niemand den Kommunisten andichten. Die SPD aber behielt Richtung und Ton ihrer antikommunistischen Angriffe bei.

War es verwunderlich, dass die Kommunisten die Sozialdemokraten – mindestens jedoch ihre Führung – als Arbeiterverräter betrachteten? Otto Wels, der SPD-Vorsitzende, erklärte 1930: „Bolschewismus und Faschismus sind Brüder.“ Und als die SPD 1932 den kaiserlichen Generalfeldmarschall Hindenburg als Kandidaten bei der Reichspräsidentenwahl unterstützte, wurde die Losung ausgegeben: „Jede Stimme, die Thälmann entrissen und Hindenburg zugeführt wird, ist eine Stimme gegen Hitler.“ Der kommunistische Präsidentschaftskandidat Ernst Thälmann hatte gewarnt: „Wer Hindenburg wählt, wählt Hitler. Wer Hitler wählt, wählt den Krieg.“ War das der „Bruderkrieg“ der Kommunisten und Sozialdemokraten? Oder nicht vielmehr ein klares Auseinanderklaffen von Politik und Kampfzielen zweier Parteien, die – jede für sich – aus der Arbeiterklasse kamen und den Ausgebeuteten verpflichtet waren?

Mit dem Papen-Putsch am 20. Juli 1932 ließ sich die SPD kampflos ihre Bastion Preußen abnehmen. SPD-Minister Severin: „Ich weiche nur der Gewalt!“ Als Antwort des Reichswehroffiziers wird kolportiert: „Welche Art von Gewalt wünschen Sie?“ Die Bereitschaft der eigenen Parteibasis zum Widerstand wurde ignoriert, eine Gerichtsentscheidung sollte den illegalen Akt geißeln und rückgängig machen! Das Angebot der KPD zum gemeinsamen Massenstreik wurde natürlich ebenfalls ignoriert. Die Faschisten hatten freie Bahn.

Als etwa ein halbes Jahr später der Chefredakteur Friedrich Ebert von der SA ins Konzentrationslager Oranienburg verschleppt wurde, empfingen ihn – so der sozial-demokratische Reichstagsabgeordnete Gerhart Seger in seinem Erinnerungsbuch „Oranienburg“ – einige der schon seit Februar/März 1933 deportierten Kommunisten mit höhnischem Beifall-Klatschen.

Zwölf Jahre Faschismus weiter hatte der blutige Terror des NS-Regimes die Einsicht der Genossen beider Parteien bewirkt, Trennendes zu überwinden und gemeinsam neu zu beginnen. Wilhelm Pieck und Otto Grotewohl, Hermann Matern und Otto Buchwitz in Berlin, Willi Sägebrecht und Friedrich Ebert in der Provinz Brandenburg, Otto Seeger und Kurt Bradler im Westhavelland, Otto Weber und Paul Szillat in Rathenow – sie bereiteten den Weg für eine gemeinsame Partei.

Quellen

  • Ulla Jelpke in ‚Neues Deutschland‘ (17.09.09) zu Heinz Niemanns „Geschichte der deutschen Sozialdemokratie“;
  • Rathenower Tageblatt Jahrgang 1929;
  • Wikipedia;